Waldfriedhof

Seit April 2015 informiert eine Tafel auf dem Waldfriedhof über das Geschehen und die Opfer vom 08. April 1945. Eingeweiht wurde sie zum 70. Jahrestag der Ereignisse im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der Stadt:

„Am 8. April 1945 bombardierte die US Air Force den Güterbahnhof in Celle. Die Bomben trafen einen Zug auf dem Weg vom KZ Drütte nach Bergen-Belsen. Viele Häftlinge kamen dabei ums Leben. Am folgenden Tag kam es zu mehreren Massakern an geflohenen Häftlingen. Mindestens 170 Gefangene wurden dabei ermordet, ihre Leichen an Ort und Stelle verscharrt.
Auf diesem Gräberfeld wurden 320 Tote beigesetzt. Bis 1946 fanden hier 190 KZ-Häftlinge, Bombenopfer und Opfer der Massaker ihre Ruhestätte. Im selben Jahr erfolgte ein öffentlicher Suchaufruf, in dessen Folge 64 Leichen auf den Waldfriedhof überführt wurden.
Verstorbene vom Zuchthausfriedhof sowie Opfer, die nach ihrer Befreiung in Bergen-Belsen in Celler Hilfskrankenhäusern verstarben, wurden hierher umgebettet.
Ein bereits 1947/48 von Verfolgtenorganisationen angeregtes Ehrenmal kam nicht zur Ausführung. Die Einzelgräber wurden 1951 in Grabbeete umgestaltet und mit 307 liegenden Grabsteinen eingerahmt. Im Zentrum wurden drei Hochkreuze errichtet. Der davorliegende Kissenstein erhielt 1985 die Inschrift „Ruhestätte für Opfer der NS-Gewaltherrschaft“.“

Unterschiedliche Opfergruppen

Noch bevor die Briten Celle am 12. April 1945 befreiten, waren 106 Häftlingsleichen auf dem Waldfriedhof bestattet worden. Im November 1945 wurden insgesamt 40 Häftlingsleichen aus drei Massengräbern exhumiert, die sich im Neustädter Holz bzw. auf und hinter einem Grundstück in der Fuhrberger Straße befanden, und auf den Waldfriedhof überführt. Hierbei handelte es sich um Häftlinge, die im Rahmen der Suchaktion ermordet worden waren.
Auch 17 weitere Leichen aus der Umgebung des Neustädter Holzes kamen bis Ende August 1946 hinzu. Bei diesen insgesamt 163 Häftlingen handele es sich „mit großer Wahrscheinlichkeit um Opfer des Massakers“ (Bernhard Strebel). Umgebettet wurden noch insgesamt 64 Leichen, die bei den Todesmärschen bzw. Räumungstransporten aus anderen KZ nach Bergen-Belsen umgekommen waren. Davon waren 22 zwischenzeitlich auf dem Friedhof in Winsen und sieben auf dem von Groß-Hehlen bestattet worden. Weitere 15 Tote wurden im Mai 1947 aus einem Massengrab an der Bahnstrecke Celle-Gifhorn bei Wienhausen exhumiert und auf den Waldfriedhof umgebettet. Im November und Dezember 1947 wurden schließlich noch 15 Tote vom Zuchthausfriedhof in Celle auf den Waldfriedhof überführt. Auf dem Gräberfeld bestattet worden sind weitere 51 ehemalige KZ-Häftlinge, die mutmaßlich nach der Befreiung Belsens in eines der Celler Hilfskrankenhäuser verlegt worden waren und dort im Zeitraum bis November 1945 verstarben. - Etwa zwei Drittel der Häftlingsgräber sind den Ereignissen am 8./9. April zugeordnet, wobei 80% bis 90% davon im Verlauf der Hetzjagden und Massaker ermordet wurden.

Ausführung eines Ehrenmals scheitert

Im Oktober 1947 hatte sich der „Politische Ausschuß für Wiedergutmachung und Betreuung ehemaliger politischer Inhaftierter und Verfolgter“ dafür eingesetzt, ein „Ehrenmal“ auf dem Waldfriedhof zu errichten. Finanziert werden sollte das Vorhaben über eine Spendensammlung.
Stadt und Landkreis bewilligten einen Zuschuss von jeweils 10.000 Reichsmark. Der Politische Ausschuss gab bei dem bekannten hannoverschen Bildhauer Ludwig Vierthaler (1875-1967) einen Entwurf in Auftrag. Die im Stadtarchiv befindlichen Skizzen weisen im Zentrum der Grabanlage eine flache Pyramide mit einem Grundriss von zwei mal zwei Metern auf, die mit unterschiedlichen Reliefmotiven versehen sind. Die Motive sollen „Hunger/Elend“, „Trauernde Alte“, „Notgemeinschaft“ und „Krankheit“ darstellen. Am unteren Rand der Pyramide war folgendes Schriftband vorgesehen: „DIE KZ-OPFER ERTRUGEN / VIEL LEID UND NOT / UND FANDEN UNVERDIENT / DEN BITTREN TOD.“

Vierthaler war im Juli 1945 schon kurzzeitig mit der Gesamtgestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen beauftragt worden. Seine Entwürfe stießen allerdings auf heftige Ablehnung, weil sie in der Tradition von Kriegergedächtnisstätten standen – ein „gestalterischer Anachronismus“, urteilt Nikolai Stula in seiner Dissertation über Leben und Werk des Bildhauers. Dies kann ähnlich auch für den Entwurf für den Celler Waldfriedhof gelten. Vierthaler hatte drei Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus vom KZ-System und dem Ausmaß des Verbrechens nur wenig verstanden.
Die Ausführung scheiterte aber nicht an der Qualität des Entwurfs, sondern an der Währungsreform vom 20. Juni 1948. Denn damit wurden bei Sparguthaben aus 1.000 Reichsmark (mit einigen Zwischenschritten) ganze 65 DM. Im folgenden nahm die Stadt in Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung die Gestaltung in die Hand.

Gestaltung des „KZ-Quartiers“

Es bedurfte allerdings eines Anstoßes durch den Landesverband der VVN. Dieser hatte sich am 5. Juli 1950 an das Niedersächsische Ministerium des Innern gewandt:
„Wir gestatten uns, Sie auf die Verwahrlosung des Zustandes des KZ-Gräber auf dem Friedhof Wietzenbruch b. Celle hinzuweisen. Zu Ihrer Information übersenden wir Ihnen beiliegende Fotographie, mit der Bitte, um Abhilfe besorgt zu sein.“

Das hochformatige Schwarzweiß-Foto zeigt eine kaum gepflegte, mit Heidekraut bewachsene Fläche, die nicht als Gräberfeld erkennbar ist.

Ein knappes Jahr später besichtigten Vertreter der Bezirksregierung und der Stadt Celle die KZ-Grabstätte. In einem Vermerk dazu wurde festgehalten, „dass die Grabstätte hinsichtlich ihrer Bepflanzung instandsetzungsbedürftig ist. Die Stadt Celle ist mündlich gebeten worden, entsprechende Vorschläge zu machen.“

Die Stadt Celle unterbreitete mit Datum vom 12. Juli 1951 dem Regierungspräsidenten folgendes:

„Um eine größere Ruhe und ein wirkungsvolleres Gesamtbild zu erreichen, schlagen wir vor, die Einzelgräber zu Grabbeeten umzugestalten. Die Bepflanzung ist mit den im Kostenanschlag angeführten Pflanzen, die alle in das Landschaftsbild passen, vorgesehen. Da in das dortige Landschaftsbild keine Rasenfläche hineinpaßt, ist diese Pflanzung vorgesehen, die durch schmale Wegstreifen unterteilt ist, um eine Pflege durchführen zu können, ohne die Pflanzfläche zu betreten, was die vorgesehenen Pflanzen nicht vertragen. […] Betreffs Grabmal schlagen wir 3 große Holzkreuze vor, die sehr gut in das dortige Landschaftsbild hineinpassen würden.“

Ein beiliegender Erfassungsbogen „Anlage zum Erlass des Nds. MdI. Vom I/4 10087, Übersicht über die KZ-Grabstätte in Celle (Waldfriedhof)“ beschreibt die Größe der Grabstätte mit „insgesamt etwa 1650 qm“, wobei 322 Gräber belegt wären und es 14 freie Stellen gäbe, die durch Ausgrabung und Überführung in die Heimat entstanden wären. Die letzte Beisetzung hat nach Angaben in diesem Formblatt am 19. Dezember 1945 stattgefunden.

In den Akten findet sich auch eine Zeichnung, die das Gräberfeld im Maßstab 1:100 darstellt, erstellt vom Gartenarchitekten Rudolf Stichnothe – überschrieben „Waldfriedhof in Celle: Abteilung für 324 ehemalige politische Gefangene“, datiert Hannover, im Juli 1950. Eine weitere Zeichnung vom Stadtgartenamt vom Juni 1951 zeigt im Maßstab 1:100 das „K.Z.-Quartier, Jetziger Zustand“ sowie auf einem weiteren Blatt den „Gestaltungsvorschlag“ für das „K.Z.-Quartier“. Auch zu den Holzkreuzen gibt es in der Akte eine Skizze, Überschrift: „Holzkreuze für das KZ=Quartier auf dem Waldfriedhof in Celle“, vom Dezember 1951. Mit den Holzkreuzen orientierte man sich an der Symbolik von Kriegsgräberanlagen, die sich schon nach dem Ersten Weltkrieg etabliert hatte und heute noch vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge genutzt wird.

Unklar ist, wann die Grabanlage mit den Kissensteinen versehen wurde, die sich in identischer Ausführung auch bei dem angrenzenden Gräberfeld für in Celle verstorbene Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter finden. Auch ist bisher nicht nachvollziehbar, wann vor den Holzkreuzen der ursprüngliche Gedenkstein mit der Inschrift „RUHESTÄTTE FÜR OPFER DES ZWEITEN WELTKRIEGES“ gesetzt wurde. Auf Anregung eines sogenannten Bürgerkomitees wurde dieser Stein 1985 ersetzt durch einen mit der Inschrift: RUHESTÄTTE FÜR OPFER DER NS-GEWALTHERRSCHAFT“. Das Bürgerkomitees hatte für „Den Opfern des Transportes aus dem KZ-Drütte“ plädiert, was aber – wie eingangs geschildert – nicht alle Opfergruppen eingeschlossen hätte.

Für die Gedenkkultur wurde das Ehrenmal auf dem Waldfriedhof in den 1950er und 1960er Jahren  nur von Verfolgtenvereinigungen genutzt. Erst mit einem Wandel der Erinnerungskultur Mitte der 1980er Jahre und der wieder einsetzenden Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 8. April 1945 gewann die Stätte an Bedeutung. Neben der VVN führten die SPD-Abteilung Neustadt/Neuenhäusen sowie Arbeiterwohlfahrt und DGB regelmäßig gemeinsame Gedenkveranstaltungen durch. Als vor fünf Jahren die Informationstafel gesetzt worden war, veranstaltete die Stadt Celle mit dem damaligen Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende an diesem Ort die zentrale Gedenkveranstaltung.

Literatur: Bertram 1989, Neumann 2005, Bertram 2006, Strebel 2010, Rohde 2020, Hallo Niedersdachsen 2020, Rohde 2020.

Siehe auch:

Celle, 8. April 1945

 

Hintergrund
8. April 1945
Ort
Am Waldfriedhof