Rezension: Hitlers Kinder? Reifeprüfung 1939

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Hitlers Kinder? Reifeprüfung 1939
Manfred Overesch und Wolfram Lietz,
Bad Heilbrunn (Klinkhardt) 1997, 234 S.,
32 DM

Celle und der Abiturjahrgang 1939 des Hermann-Billung-Gymnasiums bilden ein Herzstück des Bandes "Hitlers Kinder? Reifeprüfung 1939". Die Autoren Manfred Overesch von der Uni Hildesheim und Wolfram Lietz, Deutsch- und Geschichtslehrer am HBG, richten ihr Interesse darauf, wie weit es dem NS-Staat gelang, systemkonforme Überzeugungen auszubilden. Exemplarisch widmet sich die Untersuchung zum einen einem ganzen Abiturjahrgang einer kleinstädtischen und protestantisch dominierten Schule (eben des HBG in Celle), zum anderen einem individuellen Fall aus dem ebenfalls kleinstädtischen, aber katholischen Bocholt.
Wolfram Lietz, Autor der Celler Fallstudie, wirft zunächst einen Blick auf die Entwicklung der Stadt Celle in den 20er und 30er Jahren, um den Erlebnis- und Erfahrungshintergrund der Jugendlichen darzustellen, deren politisches Bewußtsein in dieser Zeit erwachte und die - nach eigenem Bekunden - schließlich Nationalsozialisten wurden. Die knappe Skizze zeigt die Polarisierungen während der Weimarer Republik, referiert die lokale Entwicklung der NSDAP und die dramatische Veränderung des gesellschaftlichen Klimas nach dem 30.1.1933. Einen Schwerpunkt legt Lietz auf die Entwicklung und schließliche Eingliederung der bündischen und christlichen Jugendgruppen in HJ und BDM. Aufschlußreich hinsichtlich der willfährigen Anpassung des HBG an die Vorstellungen der nationalsozialistischen Machthaber ist das Kapitel, in dem Wolfram Lietz einen kurzen Aufriß der Schulgeschichte von 1918-1939 gibt. So verkündet der Schulleiter 1935, daß das Gedankengut des Dritten Reiches als lebensspendend und zukunftverheißend von der Schule mit freudiger Bejahung aufgenommen" wurde. Lietz liefert Belege für eine das Kaiserreich überdauernde deutschnationale und konservative Orientierung wie den an der Schule aktiven "Volksbund für das Deutschtum im Ausland" oder den faktischen Verzicht auf demokratische Institutionen innerhalb der Schule wie gesetzlich vorgesehene Lehrer- oder Schülerausschüsse. Zwar gab es auf personalpolitischer Ebene z.T. erhebliche Konflikte, doch hinsichtlich der Ausrichtung des Lehrplans folgte die Schule den Vorgaben des NS bereitwillig. Lietz bezieht sich exemplarisch auf einschlägige Erlasse und ihre Umsetzung im Unterricht, die sich anhand von Leseplänen, Aufsatzthemen, Prüfungsprotokollen u.ä. nachvollziehen läßt. Die Schülerschaft wurde zügig und weitestgehend organisatorisch vom NS erfaßt. 1937 waren "alle arischen Schüler" Mitglied der HJ, ein ungewöhnlich hoher Anteil von ihnen war sogar HJ-Führer.
Interessantes empirisches Material bieten die sogenannten "Bildungsgänge", längere Lebensläufe, die Schüler mit der Meldung zur Reifeprüfung einzureichen hatten und in denen diese ihr bisheriges Leben, ihre Befähigungen und Bildungseinflüsse zu bilanzieren hatten. Wolfram Lietz hat die Bildungsgänge des Abitur-Jahrgangs 1939 analysiert und zehn davon (unter Einbeziehung auch zweier Schülerinnen des KAV) in Auszügen dokumentiert. Natürlich wußten die SchülerInnen, was in diesen Berichten von ihnen erwartet wurde. Und so muß es nicht erstaunen, wie ausführlich häufig HJ-Aktivitäten geschildert werden; interessanter sind da schon die emphatischen Bezüge auf Deutschland, meist im Zusammenhang mit Reiseschilderungen. Dennoch - und hierin ist dem Autor zuzustimmen -, kommt in den Bildungsgängen eine "sehr abgestufte Beziehungsnähe zum Nationalsozialismus ... zum Ausdruck. Wir stoßen auf bedingungslose Treuebekundungen und gradlinige NS-Jugendkarrieren, auf Formen der Verschleierung der Gesinnung, auf fast unverhüllte Zeichen gespaltener Loyalität und auf konsequentes Ausweichen vor politischen Themen."

Die analysierten Aufsätze des Jahrgangs 1939 des HBG zeigen dagegen fast durchgängig die Reproduktion nationalsozialistischer Denkmuster. "Der hohe Grad der Anpassung", schreibt Lietz, "manifestiert sich auch in auffälliger Weise in der Übernahme von Sprachmustern aus der NS-Ideologie und NS-Selbstdarstellung". Die Liste der zur Wahl gestellten Themen forderte auch dazu heraus. Am häufigsten gewählt wurden: "Was bedeutet der Name Versailles für Bismarcks, was für Hitlers Wirken?" "'Wer leben will, der kämpfe, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.' Adolf Hitler.". 16 von 25 Schülern wählte eins dieser beiden Themen, die auf eine eindeutige Einbringung politischer Überzeugung angelegt sind. Lietz dokumentiert fünf Aufsatzbeispiele, wie sehr sich die Normen des Systems eingeprägt haben. Gleichwohl zeigt die Analyse neben den überwiegenden Merkmalen des Engagements für den NS auch einzelne Ansätze von Differenzierung und Ausweichen. Schwerlich lassen sich auf dieser Grundlage Aussagen darüber treffen, ob der Abiturjahrgang 1939 zu "Hitlers willigen Vollstreckern" wurde. Die Analyse macht aber deutlich, daß die Erziehungsgrundsätze und die vermittelten Erziehungsinhalte darauf abzielten.
Das von Manfred Overesch erschlossene individuelle Beispiel aus der katholischen Kleinstadt Bocholt zeigt, ausgehend vom Abituraufsatz, die anschließende Auseinandersetzung mit Krieg und NS auf der Basis von Briefen aus Krieg und Gefangenenschaft. Zwar zeigen sich auf dem beschriebenen Weg Elemente der Selbstbefreiung aus Fesseln, die durch NS-Erziehung angelegt wurden - trotzdem habe ich hier den Eindruck, daß Overesch aus Sympathie für den Wandlungsprozeß manchmal analytische Offenheit vermissen läßt.

Das Buch ist nicht einfach wegzuschmöckern. Wer sich einliest, erhält aber einen mitunter spannenden Einblick in NS-Bildungspolitik und ihren Einfluß auf Lehrer und Schüler.

Aus: Publiz. Politik und Kultur aus Celle, April/Mai 1998, Nr. 29, S. 16.