"Ich dachte, der Einberufungsbefehl wär mein Todesurteil"

Kriegsausbruch. Die faschistische Wehrmacht überfällt in den Morgenstunden des 1. September Polen. Von Willi K., heute 74, wollten wir wissen, wie die kleinen Leute, wie er den Ausbruch des Krieges erlebt und aufgenommen haben. Willis Leben, das ist vor allem auch ein Leben in der Arbeiterbewegung. Aufgewachsen im Celler Arbeiterviertel Blumlage, in der Weimarer Republik eine Hochburg der KPD, trat Willi schon mit 15 in die Gewerkschaftsjugend ein und engagierte sich im kommunistischen Jugendverband. Ab 1928 auch KPD-Mitglied, wurde er bald Ortsgruppenleiter der Partei für die Blumlage. 1933 zerschlug der Faschismus die Organisationen der Arbeiterbewegung.

Willi, wie hast Du das erlebt, den Kriegsausbruch, den 1. September 1939?
"Ich war damals Schachtmeister. Mit der Baukolonne waren wir am Harburger Berg am Arbeiten, als aus dem Haus von nem Oberstudienrat dem seine Frau rausjestürzt kam: 'Komm Se was hörn! Komm se was hörn!' Ich sech: 'Was denn los?' 'Das müssen Se hörn. Der Führer spricht.' Naja, denn kam es ja raus, daß die angeblich Gleiwitz überfallen hatten, den Sender da. Trotzdem, wir wußten ja, was los war. Nachher kam's ja auch raus, dat das seine eigenen Leute warn. Im Radio dann: 'Es wird zurückgeschossen. Unsere Truppen sind seit fünf Uhr auf Vormarsch.' Die Bürger am Harburger Berg warn jedenfalls ganz aus dem Häuschen. Das war wohl fast wie 1914, als auch alle in Begeisterung ausgebrochen sind."

Wir wollen wissen, ob sich in der Arbeiterschaft was gerührt hat, ob es in irgendeiner Form Aktionen gegen den Kriegsausbruch gegeben hat.
"Nee. Haste ja in Celle nich gespürt. In Celle war nix. Du konntest ja auch nichts unternehmen. Die Paar, die die Schnauze aufgerissen hatten, die warn schon weg, Mensch."
Zwei Tage später werden 10, 12 Leute aus Willis Baukolonne eingezogen. Die Firma kann auf ihn als Schachtmeister nicht verzichten.
"Wurd' ich vier Monate zurückgestellt, hatte der Alte für gesorgt. Erst Anfang '40, März '40 wurd' ich dann eingezogen. Dann hieß es, bloß zu einer Acht-Wochen-Übung. Und die Acht-Wochen-Übung hat vielleicht fünf Jahre gedauert. Warn lange acht Wochen, nich?"
1927 war Willi – wie er sagt, aus einer Laune heraus – freiwillig zur Reichswehr gegegangen. Man wollte ihn da aber nicht lange haben. Bei einer Sauftour wurden ihm und einigen Genossen in einer kommunistischen Kneipe Flugblätter zugesteckt. Als sie nach dem Zapfenstreich in die Kaserne zurückkamen, wurden die Flugblätter entdeckt."Na und da war denn meine Reichswehrzeit zuende. Wir wurden rausgeschmissen."
1932/33. Die Arbeiterorganisationen stellen den Kampf gegen den Hitlerfaschismus und den Krieg in den Mittelpunkt ihrer Agitation.
"Bei der letzten Wahl hatten wir Flugblätter 'Wer Hitler wählt, wählt Krieg'. Und ich stand damit an der Blumläger Schule. Zusammen mit dem Bürgervorsteher Ernst von Hinten, der war SPD-Mann. Zu der Zeit hat sich aber schon kaum noch jemand getraut, sich da hinzustellen mit seinen Plakaten und so. Die SA, die da stand, die hatten schon ihre Gewehr." Bei der Wahl verliert Hitler 2 Millionen Stimmen. "Damals kam es ja, daß man sagte, bei der nächsten Wahl verlieren sie noch mehr. Da kamen sie dann mit dem Reichstagsbrand. Daß sie mit Gewalt ranwollten, nich. Das war die letzte Wahl." Verfolgung, Gefängnis, Konzentrationslager werden zur alltäglichen Bedrohung für die Aktivisten der Celler Arbeiterorganisationen. Willi wird nur kurz eingeknastet. Auch seine Ortsgruppe bleibt weitgehend verschont. "Ich war schon immer mißtrauisch. Wenn damals welche kamen und reinwollten in die KPD, dann ham wa die Burschen erstmals verfolgt. Wir warn ja arbeitslos, hatten ja Zeit, nich. Da ham wir dann verschiedene entlarvt, die nachts um Zwölf noch inne Wallstraße über die Mauer huppten, nach'n SA-Heim rein. Hatten sich aber beworben bei de KPD, weißte. Wenn mir einer nich geheuer war, kam er nich rein. So wurde von meiner Ortsgruppe nich einer verhaftet. Da hatte die Polizei nichts über. Paar ham se nachher noch geholt, aber das war dann durch Verrat rausgekommen." Die Nazis bereiten den Krieg vor. Im Landkreis beginnt der Ausbau von Militäranlagen und Kasernen. Als Kolonnenführer bei "Hoch und Tief" arbeitet Willi am Bau der Zufahrtwege zum Flugplatz Schmarbeck. Mit 150 Leuten fährt er früh morgens mit der Kleinbahn nach Müden, von da geht's zu Fuß weiter nach Schmarbeck, wo man erst gegen halb elf ankommt. Bis vier wird gearbeitet, weil schon um fünf die Bahn nach Celle zurückgeht. Als die langen Wegezeiten in keinster Weise in die Lohnabrechnungen eingehen, lehnen sich die Arbeiter dagegen auf. Es gibt Tumulte, die Arbeiter singen die "Internationale". Willi und seine Leute werden von der SS verhört. Als Rädelsführer werden sie entlassen. Es wird ihnen verboten, je wieder militärische Anlagen zu betreten.
"Ach so, daß hatte ich eben vergessen zu erzählen, mit diesem Spaß in Schmarbeck da. Da mußte dann der Kreisleiter von der Arbeitsfront seinen Hut nehmen. Die ganzen Arbeiter konnten sie ja nun nich einsperren. Und um das zu vertuschen, dat sich das da so abgespielt hatte, wurde der Volksgenosse Grünhagen abgesetzt. Ist ja auch dann weiter nix draus geworden, bloß dat wir zehn Mann dann rausgeschmissen wurden und dat Verbot kriechten, weil sie uns als Rädelsführer ansahen. Zum Gerichtstermin wollten sie's wohl nicht kommen lassen. Ham se gedacht, denn kommt alles ans Tageslicht."
1927 aus der Reichwehr geflogen – bis 33 für die KPD gegen Hitlerfaschismus und Krieg agitiert- dann auf der Baustelle einer Militäranlage die Internationale abgesungen – Verbot, je wieder Militäranlagen zu betreten. Als Willi dann Anfang '40 mit seinem Einberufungsbescheid bei einem Nazi.-Offizier erscheint, will der davon scheinbar nichts mehr wissen. "Ich sach zu dem Offizier, daß ich Verbot hab, auf Militärgelände zu gehen usw. 'Das zählt jetzt nicht mehr', sacht da der Nazi. - Was ich erst später rausgekriecht hab: In meinem Wehrpass, den ham wir Soldaten ja nich gekriecht, wir hatten nur son Soldbuch, in den Wehrpass ham se reingestempelt: 'politisch unzuverlässig'." Willi macht als Sanitäter und Ausbilder den Frankreich- und Rußland-Feldzug mit und erlebt nach einer schweren Verwundung bei Stalingrad das Kriegsende in Norwegen. Als wir gehen, sagt Willi: "Als ich damals den Einberufungsbescheid gekriecht hab, dacht ich, das wär mein Todesurteil."