Hitler-Bewunderung und Antisemitismus

Celles Ehrenbürgerin Carla Meyer-Rasch. Bertrams Buch zeigt ihre Hitler-Bewunderung und ihren Antisemitismus.

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Dass der deutsche Konservatismus Steigbügelhalter für Hitler und die NSDAP war, ist ein Allgemeinplatz. Wenn die rechte Elite auch nach Holocaust und Kriegsverbrechen wenige Jahre später wieder an den gesellschaftlichen Schalthebeln saßen, hatte dies zumeist keine Aufarbeitung zur Grundlage, sondern ein beharrliches Verschweigen der eigenen Rolle und Verantwortung. So kann es uns dann heute auch kaum noch verwundern, dass mit Carla Meyer-Rasch 1973 eine Frau zur Ehrenbürgerin Celles ernannt worden war, die sich in Texten aus ihrem Nachlasses als ausgemachte Antisemitin und große Bewunderin Hitlers erweist.
Der Leiter des Celler Stadtarchivs, Mijndert Bertram, hat sich durch den Nachlass der Celler Heimatschriftstellerin gearbeitet und jetzt eine kleine Schrift veröffentlicht, in der er sechs Typoskripte unterschiedlichen Umfangs aus den Jahren 1933-1945 analysiert. Da sind zunächst zwei frühe Texte aus der ersten Phase nationalsozialistischer Machtentfaltung. Während der Text "Allerlei Anekdotisches, das wirklich passiert ist" vor allem politische Witze überliefert, berichtet und kommentiert der parallel entstandene Text "Ernstere Geschehnisse" repressive Maßnahmen der neuen Machthaber. Weiter gibt es einen mit 32 Seiten recht umfangreichen Text mit dem Titel "Nach dem 30. Juni 34", der mit der sogenannten Röhm-Affäre einsetzt und sich in seinen Beobachtungen bis in den Juli 1935 erstreckt. In einem kürzeren Typoskript ohne Titel vom Februar 1937 fasste die Chronistin die Geschehnisse seit dem Sommer 1935 zusammen. Zeitlich klafft dann im Nachlass hinsichtlich der Befassung mit dem Nationalsozialismus eine Lücke, denn erst vom Frühjahr 1945 datieren die Notizen zum "Einzug der Feinde". Und schließlich fand sich ein ausgearbeiteter Text mit dem Titel "Aus Celles schlimmsten Tagen. Frühjahr 1945", den Bertram im Anhang seiner kleinen Schrift dokumentiert.

Die 1885 in Celle geborene Carla Meyer-Rasch wohnte nach Aufenthalten in Berlin und München ab 1930 mit einer ihrer Schwestern und ihrer Mutter wieder im Elternhaus in der Bahnhofstraße 13. Sie lebte von gelegentlichen journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten und erwarb sich mit ihren drei Bänden "Celler Häuser erzählen. Von Menschen und Schicksalen in der Stadt Celle" den Ruf als Celles größte Heimatschriftstellerin. Das elterliche Wertpapiervermögen war in der Weltwirtschaftskrise verloren gegangen, so dass der großbürgerliche Habitus der Familie im Alltag keine materielle Basis mehr hatte. Vielleicht war dies auch ein Hintergrund, vor dem Adolf Hitler ihr als Hoffnungsträger erschien. Zwar registrierte Meyer-Rasch die Repressionsmaßnahmen der Nazis und bedauerte sie, wo es z.B. gegen Mitglieder des Bürgertums ging. Die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung aber fand, wie Bertram belegt, ihre volle Zustimmung. Schon 1933 schreibt sie: "Wie uns die Juden geschadet haben, kann ich immer wieder in künstlerischer und sittlicher Hinsicht belegen." Und im Mai 1935 notiert sie: "Wenn wir uns etwas mehr Zeit gelassen hätten, hätten wir sie in 10-20 Jahren wohl alle friedlich aus Deutschland herausbekommen, dadurch dass wir sie einfach von jetzt ab nicht mehr anstellten und ihnen nichts mehr abkauften." Bertram ist in seinen Bewertungen bekanntermaßen vorsichtig, aber diese Vorstellungen als Nachhall einer Begegnung Meyer-Raschs mit dem Zionisten Martin Buber im Jahr 1912 zu deuten und das in diesen Sätzen ausgedrückte Programm als "Auswanderung" zu kennzeichnen, greift zu kurz. Es handelt sich nicht um eine zionistische, sondern eindeutig um eine antisemitische Ideenwelt, und eine durch Boykott erzwungene Auswanderung als "friedlich" zu charakterisieren, offenbart schon eine weitgehende Entgrenzung der moralischen Vorstellungen der Schriftstellerin. Dazu passt, dass Carla Meyer-Rasch die Sterilisation behinderter oder als "asozial" eingestufter Menschen begrüßt: "In diesem Punkt", schreibt sie, "habe ich immer nationalsozialistische Ideen gehabt."

Distanz zum Nationalsozialismus zeigt sich dort, und auch hier ist die Celler Ehrenbürgerin typisch für das konservative Bürgertum, wo z.B. Nazi-Redner plebejische Posen einer bürgerlichen Distinguiertheit vorziehen. Bewunderung zeigt sie dagegen fast bruchlos für die Rhetorik und das Auftreten Adolf Hitlers.
Interessant ist Bertrams Beobachtung, dass Meyer-Rasch in den ersten Jahren des Nationalsozialismus dem Gedanken der Volksgemeinschaft nicht viel abgewinnen konnte. Sie beklagte im Gegenteil die manchmal zum Tragen kommende Missachtung bürgerlicher Intellektueller durch die Nazis. Doch nach einem Einsatz im weiblichen Arbeitsdienst im Herbst 1935 schrieb sie einen längeren Artikel, in dem sie sich euphorisch zu Arbeitsdienst, Kameradschaft und Volksgemeinschaft äußert - "aus innerer Überzeugung im Sinne der NS-Ideologie", wie Bertram vermerkt.
In den Reflexionen des Jahres 1945 spürt man die Suche nach entlastenden Bruchstellen, die eine frühe Distanz zum Nationalsozialismus belegen könnten. In einer Juristenstadt wie Celle mag es nicht verwundern, dass es das Rechtsempfinden ist, das im Nachhinein die größten Irritationen erfahren haben will. Da ist zunächst die Pogromnacht vom 9/10.11.1938 ("Von dem Tage an bin ich innerlich abgerückt"); hierüber strickte sich das Celler Bürgertum bekanntlich seine Widerstandslegende, die auch Carla Meyer-Rasch bemüht: Die Anwälte Blanke und Frisius erklärten im Anschluss an das Pogrom, an dem sie beteiligt waren, ihren Austritt aus der SA. Als zweite Bruchstelle wird in ihrem Text vom Juni 1945 die Rede Hitlers vom April 1942 genannt, in der sich der "Führer" die Vollmacht erteilte, als Oberster Gerichtsherr zu entscheiden, ohne an bestehende Rechtsvorschriften gebunden zu sein. Sie ist sichtlich um Distanz bemüht, wenn sie - und das ist 1945 noch ungewöhnlich und auch im Bürgertum nicht mehrheitsfähig - die Männer des 20. Juli würdigt. Doch bleibt sie gegenüber vielen Maßnahmen und Verbrechen der Nazis ambivalent. Zeichen von Mitgefühl gibt es nur gegenüber deutschen "Opfern". Obwohl sie z.B. den Bombenangriff vom 8. April auf den Celler Güterbahnhof erlebt hat und beschreibt, verweigert sie jegliches Eingehen auf den massenhaften Tod der KZ-Häftlinge und die anschließende mörderische "Hasenjagd", von der sie - so gut informiert zeigen sie alle Aufzeichnungen - gewusst haben muss.
Neben dieser die ganze Schrift Bertrams durchziehenden Fragestellung der Auseinandersetzung Carla Meyer-Raschs mit dem Nationalsozialismus bieten die Quellen und auch einzelne Fotos, die Bertram vorstellt, an Lokalgeschichte interessierten Menschen viele kleine und zum Teil auch neue Episoden und Perspektiven. Kurz: eine lohnende Lektüre. Wen's nur am Rande interessiert, den/die verweise ich auf einen längeren Aufsatz Bertrams im Internet (http://www.cellesche-zeitung.de).

Bertram, Mijndert: "... unsere große Zeit festzuhalten" Die Celler Heimatschriftstellerin Carla Meyer-Rasch und ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Celle 2002, 76 S., 5 Euro.

Aus: Revista; April/Mai 2002, Nr. 13