Der Tag, als die Bomben fielen / Celles schwärzestes Kapitel

"Apokalypse im Taschenformat": Fast 3000 Tote nach Luftangriff und Massaker / Am 8. April 1945 ereignete sich das schwärzeste Kapitel in der Celler Geschichte. Nicht nur, dass die Stadt an diesem Sonntag Ziel eines groß angelegten Bombenangriffs der Alliierten wurde ­ im Anschluss daran töteten Celler bei einem oft als "Hasenjagd" bezeichneten Massaker KZ-Häftlinge, die es geschafft hatten, aus einem im Celler Bahnhof bombardierten Transport zu entkommen.

AutorIn

CELLE. Der 8. April 1945 war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch: Es war warm und sonnig, erste Kirschbäume blühten. Die Celler waren in Sonntagslaune, denn es gab eine Überraschung: Damit die an der Alten Grenze lagernden Wehrmachts-Vorräte nicht in die Hände der mit Macht herannahenden Alliierten fielen, wurden sie an die Bevölkerung herausgegeben. So kam es, dass es in manchen Häusern noch nach dem echten Bohnenkaffee vom Nachmittag roch, als gegen 17.45 Uhr die Luftschutzsirenen losheulten. Das kannten die Celler schon. Immer wieder hatten Bomber der Amerikaner und Briten in der Vergangenheit die Stadt überflogen. Ihre Bomben hatten sie aber auf lohnendere Ziele als das Heidestädtchen abgeworfen.

"Die Amis" machen Ernst: An diesem Tag war das anders. Zum ersten Mal während des Krieges hörte man Flakfeuer aus Richtung des Flugplatzes Wietzenbruch. Und zum ersten Mal hatte die dortige Batterie ein großes Ziel: Aus westlicher Richtung näherten sich der Stadt gegen 18 Uhr drei komplette Bombergeschwader der 9. US-Luftflotte. 132 Maschinen vom Typ B-26 "Marauder" hatten 240 Tonnen Sprengbomben an Bord. Ihr Auftrag: Zerstörung des Celler Bahnhofsbereichs mit seinen Brücken und Unterführungen. Die Hauptwucht des Angriffs sollte jedoch den Güterbahnhof und seine Umgebung treffen ­ zunächst ein Fehler der Bombenschützen des ersten Geschwaders. Die beiden folgenden Geschwader hatten wegen des Rauchs kaum Bodensicht, warfen ihre Last dennoch ab.
Der damals achtjährige Dieter Betz aus der Kirchstraße sah, wie sein Vater auf einer Kiste stehend vom Dachbodenfenster aus die nahenden Bomber beobachtete: "Als ich ihn bescheiden fragte, was er denn da sehe, sprang er wie von der Tarantel gestochen von seiner Kiste und schrie mich an: Ab in den Keller! Die haben eben ihre Bomben ausgeklinkt. Gleich ist hier alles Schutt und Asche. Also los! Den Luftschutzraum erreichten wir nicht mehr. Als wir unten waren, waren die Bomben auch unten und schlugen in der Nähe auf, wo sie mit infernalischem Getöse explodierten. Das ganze Haus wackelte. Ich schien den Boden unter den Füßen zu verlieren. Vor Staub konnte man die Hand vor den Augen nicht erkennen. Irgendwie polterten wir aber doch zu den anderen in den abgesteiften Luftschutzraum. Gehuste, Gespucke, Töne des Entsetzens."
Wenig später kam die zweite Welle, so Betz: "Plötzlich Getöse und ein Inferno, das das vor wenigen Minuten Erlebte in den Schatten stellte. Die Splitterschutzklappe des Kellerfensters, unter dem ich saß, flog herein und wurde mit Wucht gegen die Kellerwand gegenüber geschossen. Unmengen von Sand und Staub kamen hinterher. Die Erwachsenen rissen die Augen in rundum staubgeschwärzten Gesichtern gespenstisch und vor Entsetzen weit auf. Fast gleichzeitig glitten wir von unseren Stühlen gedrückt zu Boden und suchten mit über dem Kopf verschränkten Armen Schutz vor etwa herabfallenden Trümmern. Aber es geschah nichts mehr. Plötzlich Totenstille. Nur Staub und das Schreien des Kindes in den Armen der Mutter."
Nach dem Angriff habe draußen "Sodom und Gomorrha" geherrscht, so Betz, der sich an einen zerstörten Behelfs-Bunker erinnert: "Dieser Bunker hatte einen Volltreffer bekommen. Keiner der etwa 20 Insassen konnte überleben, denn diese vermeintlichen Bunker waren nur einfache Erdlöcher, mit Holzstempeln abgesteift und mit Brettern und Erde überdeckt, allenfalls Splitterschutzlöcher. Als wir dorthin kamen, erlebten wir das Grauen schlechthin. Leichenteile, abgerissene Arme, die Ringe noch an den Fingern, fanden wir ringsumher. Unsere Freundin Emmi Schöne mit ihren langen rotblonden Zöpfen mit einem Tuch verdeckt ­ tot! Wo der Bunker einmal war, ragte nur eine leblose Hand aus dem Erdreich."

Todesfalle Unterführung: Der damals vierjährige Heinrich Rinski suchte wie andere mit seiner Mutter unter der Bahnhofsunterführung Schutz ­ und wurde verschüttet: "Eine Bombe schlug, ein, und es gab dort sehr viele Tote. Meine Mutter und ich wurden vom Schutt fast erdrückt und später von Leuten ausgebuddelt. Meine Mutter war deswegen fast ihr ganzes Leben nervenkrank."

"Dann ging die Knallerei los": Margarete Eckert entdeckte nach dem Angriff seltsame Gestalten durch die Trümmer wanken: "Wir sahen Männer mit Käppis und gestreiften Anzügen." Es waren einige der rund 4000 KZ-Häftlinge, deren Transport gerade auf dem Güterbahnhof Halt machte, als die Bomben ihn trafen. Es gab sofort hunderte von Toten und Verletzten. Nun irrten Überlebende umher und versuchten zu fliehen. Margarete Eckert: "Dann ging die Knallerei los. Männer wurden abkommandiert ­ wer sich weigerte, wurde bestraft ­ Treibjagd auf die flüchtigen KZ-Häftlinge zu machen."
Dass sich auch nur ein einziger Celler geweigert hätte, sich an dem nun einsetzenden Kesseltreiben auf Männer, Frauen und Kinder mitzumachen, ist nicht überliefert. Fest steht, dass SS, Wehrmacht, Polizei, Volkssturm und andere Celler den Flüchtenden gnadenlos und sehr gewissenhaft nachstellten und mit ihnen oft "kurzen Prozess" machten. Im Neustädter Holz hörte man noch am übernächsten Tag Schüsse.
Rund 300 Menschen wurden so umgebracht, 1100 KZler wieder eingefangen. Die Hälfte von ihnen wurde zu Fuß nach Bergen-Belsen getrieben. Wer nicht weitergehen konnte, wurde erschossen.

Bizarr: In einigen Fällen sollen geflohene KZ-Gefangene von am Celler Geschehen unbeteiligten Wehrmachtseinheiten aufgegriffen ­ und von ihnen kurzerhand in deutsche Uniformen gesteckt worden sein, damit sie noch ihren Teil zum "Endsieg" betragen könnten. So trugen manche der Verfolgten bei Kriegsende die Uniformen des Regimes, das sie vernichten wollte.
Nach offiziellen Angaben sollen beim Bombenangriff vom 8. April 1945 rund 800 Menschen ums Leben gekommen sein. Gezählt wurden jedoch nur identifizierte Tote und Vermisste ­ also Celler Bürger, Flüchtlinge und Soldaten. 125 Häuser wurden völlig zerstört, 550 erheblich und 614 gering beschädigt. Die namenlosen Toten im Bereich des Güterbahnhofs zählte niemand. Dort fand man noch nach Wochen verwesende Leichen und Körperteile von KZ-Häftlingen und ihren Bewachern. Etwa die Hälfte von ihnen soll nach ernst zu nehmenden Schätzungen beim Luftangriff ums Leben gekommen sein.
Die Bombardierung wirkte sich verheerend auf die Moral der Celler Bevölkerung aus. In der Stadt herrschten danach teilweise anarchische Zustände, die "Ordnung" des Hitler-Systems brach zusammen. Dieter Betz: "Es war gewissermaßen die Apokalypse im Taschenformat."

Puppe "Hansi" aus Trümmern gerettet
Karin Klose lebte in der Nähe des Güterbahnhofs und war sieben Jahre alt, als sie den Angriff erlebte: "Ich erinnere mich nur lückenhaft. An jenem Sonntag waren die Geschäfte geöffnet, und meine Mutter war zum Einkaufen. Meine Schwester, ein kleines Mädchen aus dem Haus und ich gingen zum Spielen in die Trift." Sie waren gerade auf dem Heimweg, als Fliegeralarm gegeben wurde. Sofort liefen die Mädchen in die Trift zurück und fanden in einem Bunker Unterschlupf. Beim Angriff wurde das Haus, in dem Karin Klose gelebt hatte, völlig zerstört. Ihre Mutter nahm zuerst an, die Kinder seien im Haus umgekommen. Erst am Abend fand sie die beiden ­ unverletzt. In den Trümmern des Hauses entdeckte Karin ihre verstümmelte Puppe "Hansi": "Die habe ich bis heute behalten. Sie erinnert mich daran, wie schlimm die Zeit war und was wir damals für ein Glück hatten."

Aus: Cellesche Zeitung vom 08.04.2005

Hintergrund
8. April 1945