Celle zwischen Novemberrevolution und Währungsreform

Im zweiten Teil dieser Serie geht's um die Novemberrevolution und die anschließende Phase heftiger Auseinandersetzungen. Die kurze Phase relativer Stabilität in der Weimarer Republik (WR) von 1924 bis 1929, die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise und das Erstarken der Faschisten bis hin zu deren Machtübernahme wird im nächsten Heft Thema sein.

Beginn der Revolution in Celle

Die von der SPD während des Ersten Weltkrieges gepushte "Burgfrieden"-Mentalität war für die relative Untätigkeit der CellerInnen gegen die herrschenden Zustände mitverantwortlich. Während in großen Teilen des Reichs Hungerstreiks und Demonstrationen stattfanden, passierte in Celle nichts (oder wenig) dergleichen.
So waren es erst Mannschaften des Marine-Landflughafens Scheuen, die Anfang November 1918 erstmalig den Gehorsam verweigerten, nachdem sie über Meutereien in den Kriegshäfen Wilhelmshaven und Kiel gehört hatten. Bürgermeister Denicke bekam mit Blick auf die sich rasch ausbreitenden Aufstände als Mitglied der Funktionselite des Kaiserreichs das große Zittern und rief in dieser Situation (M)SPD-Chef Schädlich zu sich, damit dieser - wieder einmal - Bericht erstatte über die Stimmung in der ArbeiterInnenschaft. Zwar konnte dieser den Bürgermeister beruhigen, was die ArbeiterInnen betraf, die Scheuener Marinesoldaten waren jedoch weniger apathisch. Als diese am Morgen des 7.11. erfuhren, daß Matrosen aus den Eisenbahnzügen heraus von Celler Infanteristen verhaftet wurden, beschlossen sie deren Befreiung. Sie wählten einen Soldatenrat, besetzten die Bahnhöfe Garßen und Celle und gingen auf der Allerbrücke mit Maschinengewehren in Stellung.
Es kam jedoch nicht zu Auseinandersetzungen zwischen Marinesoldaten und Infanteristen, stattdessen kam man überein, abends eine gemeinsame Versammlung abzuhalten. Zu dieser sollten auch die ArbeiterInnen eingeladen werden, weshalb deren vermeintlicher Vertreter Schädlich ebenfalls eine Einladung bekam, die dieser jedoch nur zögerlich annahm. Auf dieser Versammlung wurde dann ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der wiederum einen geschäftsführenden und repräsentierenden Aktionsausschuß wählte.

Die "Bremer Fliegende Division"

Im Vergleich zu anderen Räten im Reich waren die Forderungen (Achtstundentag, Frauenwahlrecht usw.) des Celler Rates recht zahm, nicht einmal das kaiserliche Offizierskorps wurde entmachtet.
Allerdings war die Rätebewegung auch reichsweit schwach und konzeptionslos, so daß sie schnell durch MehrheitssozialdemokratInnen dominiert wurde. Wieder bedurfte es in Celle erst der Unterstützung durch "Auswärtige" und die kam gegen Mittag des 9.11. in Form einer etwa 100 Matrosen umfassenden Truppe unter Leitung des Sanitätsfeldwebels Lünsmann. Nach kurzem Disput zwischen selbigem und Schädlich wurde sich darauf geeinigt, auf der abendlichen Sitzung des A.-u.-S.-Rates die Forderungen der "Bremer Fliegenden Division" zu diskutieren. Dort setzte sich schließlich die Forderung nach Entmachtung des Offizierskorps durch, wenngleich die Mehrheitssozialdemokraten den USPDler Hirsch als neuen militärischen Befehlshaber verhindern und einen ihrer Leute durchsetzen konnten.
Leider zogen die Bremer am 10.11. weiter gen Hannover, und so wurde es in Celle wieder beschaulicher: Die Sozialdemokratie durfte weiter Chancen auf weitgehende Veränderungen verspielen oder, um es mit H.A. Winkler zu sagen: "Die Sozialdemokraten hätten bei stärkerem politischen Gestaltungswillen mehr verändern können und weniger bewahren müssen."

Anfänge der Selbst-/Entwaffnung der Räte

Mensch könnte es auch noch klarer sagen: der Wille war an (leider) entscheidender Stelle zwar stark, aber auch ein ganz anderer. Friedrich Ebert, Vorsitzender der (M)SPD, hatte Prinz Max am 6. November - schon bevor Scheidemann ((M)SPD) und Liebknecht (Spartakusgruppe, später KPD) am 9.11. in Berlin die Republik ausriefen - gesteckt:"Wenn der Kaiser abdankt, ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde."
Der Celler A.-u.-S.-Rat durfte sich im weiteren an der - sicherlich notwendigen - Sicherung der Ernährung wie überhaupt der Aufrechterhaltung der "öffentlichen Sicherheit und Ordnung" abarbeiten.
Bereits am 1. Oktober hatte Erich Ludendorff (bildete zusammen mit Paul von Hindenburg die Oberste Heeresleitung - OHL) gesagt: "Sie sollen die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben", meinte damit die Parteien der Reichstagsmehrheit, die angeblich die Kampfkraft des Deutschen Heeres entscheidend geschwächt hätten und die nun die politische Verantwortung für die militärische Schlappe tragen sollte (und strickte damit bereits an der Dolchstoßlegende, s.u.).
Fatalerweise waren (nicht nur in Celle) nach wie vor die alten städtischen Institutionen mit dem alten Personal tätig. Der A.-u.-S.-Rat beschränkte sich auf deren Kontrolle - anstatt auf eine breitere Einbindung fortschrittlicher Leute hinzuwirken und sich, wie auch immer, von den Trägern der alten Wertvorstellungen zu verabschieden. Bei soviel Zaghaftigkeit verwundert es kaum, daß die bürgerlich-reaktionären Anhänger-Innen der alten wilhelminischen Ordnung sich in Celle relativ schnell formierten: Flugblätter des "Bund der Königstreuen" tauchten auf, ein "Bürgerausschuß", in dem sich zahlreiche altbekannte Reaktionäre befanden, versammelte sich am 17.11. in der "Union".

Rückkehr des geschlagenen Heeres

Die noch anstehende Demobilisierung des Militärs gab ebenfalls kaum Hoffnung auf eine Stärkung der fortschrittlichen Kräfte. Zu diesem Zeitpunkt stand Paul von Hindenburg (OHL) vor dem Untersuchungsausschuß und formulierte dort erstmals öffentlich die Dolchstoßlegende: Sozialisten und Pazifisten hätten mit "zersetzender" Schwarzmalerei das Deutsche Heer hinterrücks erdolcht (schön wär's gewesen!). Wieviele der Soldaten würden diese Propaganda schlucken - die Frage nach dem Verhalten der wieder-kehrenden Soldaten wurde also selbst von der Celler (M)SPD ziemlich bange gestellt. Vorsichtshalber wurde ein Empfangsausschuß gebildet und die Rote-Garde-Kompanie (später umbenannt in Sicherheitskompanie) ins Leben gerufen.
Am 2. und 3.12. traf das Feldartillerieregiment 46 ein, am 3.12. ebenfalls Teile des "Heideregiments" (die "77er") unter Leitung von Oberstleutnant Kuschel. Wie kaum anders zu erwarten, erkannte OTL Kuschel den Stadtkommandanten Kreike von der (M)SPD nicht an, und ein Leutnant der zwei weiteren 77er-Bataillone ließ abends eine rote Fahne von der Ehrenpforte herunterholen.
Der Protest des Celler A.-u.-S.-Rates war gewiß verständlich, dennoch ist der Formulierung und Inhalt der entsprechenden Verlautbarung in der "CZ" zumindest fragwürdig: "verantwortungslose Elemente" wurden dort für die "Störung der öffentlichen Ruhe" (durch den Klau des Symbols "Rote Fahne") verantwortlich gemacht. So wünschenswert eine reale Bekämpfung der gegenrevolutionären Kräfte gewesen wäre, so falsch war das stereotype Einfordern von "Ruhe und Ordnung". Als Ausdruck des Nichterkennen(-wollen)s, daß eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels produktiver Unruhe und Unordnung bedarf diente es letztlich den bürgerlichen und reaktionären Kräften. (Naja, und der Fahnenkult ist eh' so 'ne Sache für sich - als ob es nix Wichtigeres gäbe ...)
Aufgrund des Fahnenklaus fand am nächsten Tag ein Gespräch zwischen Vertretern des A.-u.-S.-Rates und des Offizierskorps der Garnison Celle statt, mit dem "Kompromiß", daß eine ein aus je drei Vertretern des Offizierskorps und des A.-u.-S.-Rates bestehendes Gremium gegründet wurde, mit der Aufgabe, Streitigkeiten, die das Militär betrafen, zu klären. Außerdem wurde den Offizieren uneingeschränktes Versammlungsrecht zugestanden. Diese schrittweise Entmachtung der Soldatenräte fand ihren Abschluß mit einer Verordnung der Reichsregierung am 19.1.1919, in der die Befehlsgewalt der Truppe den militärischen Führern (= Offizieren), nunmehr ohne Einfluß der Mannschaften, übertragen wurde.

Die Nationalversammlung

Auf dem Reichskongreß der A.-u.-S.-Räte in Berlin vom 16. Bis 20. Dezember 1918 wurde die Nationalversammlung als Institution der politischen Vertretung und Verfassungsgebung definitiv abgesegnet. Die (M)SPD setzte sich durch gegen die USPDler, die für eine vorläufige Beibehaltung des Rätesystems eintraten, und es kam zum Austritt der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten, da sie die Zusammenarbeit der (M)SPD mit dem kaiserlichen Offizierskorps nicht mehr tolerieren wollte. Noch im Dezember begann die blutige Niederschlagung revolutionärer Kräfte unter Führung der (M)SPD - aber zu-nächst zurück nach Celle:
Erstmalig galt das allgemeine und das Frauenwahlrecht, weshalb spezielle Informationsveranstaltungen und -büros für Frauen abgehalten bzw. eingerichtet wurden.
Im übrigen war der seit der zweiten Dezemberwoche laufende Wahlkampf in Celle u.a. geprägt von antisemitischen Tendenzen: Anfang Januar störte eine Vertreterin der DNVP eine DDP-Wahlveranstaltung, auf welcher diese auch zur Ermordung Karl Liebknechts aufrief; die DNVP warnte per Kampagne Frauen vor jüdisch-sozialistischen Absichten von SPD und DDP, die sich gegen Frau, Familie und "Volk" richten würden; und am 16.01. 1919, drei Tage vor der Wahl, veröffentlichte die ?CZ? einen fingierten Aufruf der DDP: "Die Partei des Judentums ist die Deutsche Demokratische Partei. Jüdische Wähler u. Wählerinnen erfüllt am 19. Januar Eure Pflicht!" Die DDP wies dieses als "Wahlmanöver einer rechtsstehenden Partei zurück".

Einschub:
Die zur Nationalversammlung angetretenen Parteien

DNVP: nationalkonservativ; monarchistisch, propagierte die Dolchstoßlegende mit antisemitischer Akzentuierung
DHP: "Ein freies Hannover in einem freien Deutschland"; siehe auch Teil 1 in "publiz" Nr. 20
Zentrum: katholisch; sozusagen Vorläufer der CDU
DVP: rechtsliberal; Mittelstandspartei
DDP: linksliberal; als einzige bürgerliche Partei nicht antirepublikanisch und nicht antisozialdemokratisch
(M)SPD: Dünnbrettbohrer und Hauptredner der Partei Schädlich erteilt, nach Bertrams wohl nicht ganz falscher Lesart,"jeder Form der Diktatur - also auch der des Proletariats - eine Absage. Seiner Ansicht nach sollte vielmehr das Volk bei der Wahl selbst entscheiden, ob es sozialistisch oder kapitalistisch, demokratisch oder autokratisch regiert werden wollte." D.h. eigentlich nur, daß weder Schädlich noch Bertram begriffen haben (bzw. begreifen wollen) was inhaltlich mit "Diktatur des Proletariats" bei Marx und Engels gemeint war: Diktatur allenfalls in dem (theoretischen) Sinne, daß es in jeder Gesellschaft herrschende und beherrschte Klassen gibt. In der Praxis jedoch notwendigerweise so basisdemokratisch wie möglich, und zwar auf Grundlage des abgeschafften Privateigentums an Produktionsmitteln, also materieller Gleichheit, als Voraussetzung realer politischer Gleichheit.
USPD: für Beibehaltung des Rätesystems zwecks Durchsetzung der wirtschaftlichen Revolution (Verstaatlichung der Produktionselemente) nach der politischen Revolution; (Als sich die Spaltung der USPD abzeichnete, löste sich deren Celler Rathausfraktion im September 1920 mit der (M)SPD auf. Darauf wechselten zwei (M)SPDler zur USPD, so daß diese nun vier Vertreter im Rathaus hatte. Diese dem linken Flügel der USPD zugehörige Fraktion schloß sich dann wiederum, nach dem KPD-Vereinigungsparteitag, im Dezember 1920 der KPD an.)
(KPD: hatte zum Wahlboykott aufgerufen; in Celle erst im April 1919 gegründet)

Das Wahlergebnis

Die Wahlergebnisse in Prozent: DNVP: 4,2; DHP / Zentrum: 20,4; DVP: 12,6; DDP: 14,3; (M)SPD: 45,3; USPD: 3,3.
Das Fazit Mijndert Bertrams, "daß eine beachtliche Mehrheit der Celler zu diesem Zeitpunkt die durch die Ergebnisse vom November 1918 ausgelöste politische Entwicklung bejahte und weder von rechten Reaktionären noch von linken Revolutionären etwas wissen wollte" ist irreführend. Denn reaktionär war nicht nur die DNVP, sondern letztlich auch und vor allem die (M)SPD; und die "politische Entwicklung" war maßgeblich von revolutionären Kräften vorangetrieben worden - und weniger von solchen, die dann auch in Celle brav - und kurz - republikanisch wählten. Berechtigt an diesem Fazit ist allenfalls die konservative Mentalität der CellerInnen.

Frühjahr 1919

Wie bereits erwähnt, begann Ende 1918 unter Anleitung der (M)SPD, konkret Gustav Noske, die Zerschlagung der revolutionären Bewegungen mittels Reichswehr und Freikorps, die bei der Niederschlagung des Berliner Januaraufstandes 156 Menschen, darunter auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordeten. Die im Frühjahr 1919 beginnende zweite Revolutionsphase beendeten die Freikorps mit der Zerschlagung der Münchner Räterepublik am 4. Mai 1919.
Anders als in Berlin oder München wurde in Celle - gewählt. Die preußische Landesversammlung am 26.01.1919 (im Verhältnis zur Wahl zur Nationalversammlung leichte Gewinne für (M)SPD, leichte Einbußen für USPD) und das Bürgervorsteherkollegium am 2. März (entspricht den Kommunalwahlen: SPD 43,6; USPD 7,1; DDP 10,1; ?Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft?, also DHP, DNVP, DVP und Zentrum, 39).
Auf kommunaler Ebene gab es also eine Stimmenmehrheit von (M)SPD und USPD unter den Stadtverordneten - diese wurde jedoch blockiert durch die bürgerliche Mehrheit in der Stadtverwaltung.
Während andernorts die Freikorps wüteten, lösten sich die Celler Räte schnell auf. Der ohnehin schon entmachtete Soldatenrat löste zum 1.April 1919 die Sicherheitskompanie auf und im Juni sich selbst. Der Arbeiterrat war nach Auffassung des Bürgervorsteherkollegiums mit der Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes am 4.2.1920 unnötig geworden, die finanziellen Mittel für ihn wurden eingestellt.

Weitere Konsolidierung der Gegenrevolution

Bevor Ende 1923 die Erhebungen revolutionärer Kräfte in der WR zerschlagen waren, passierte noch Einiges. In Celle dominierten dabei die gegenrevolutionären Kräfte deutlicher als andernorts.
Zwar kam es im April 1919 noch einmal zu Protesten gegen zu niedrige Löhne und für Lohnerhöhungen (allerdings nicht etwa gleiche: für Hilfsarbeiter wurden niedrigere Löhne als für Gelernte gefordert, für Frauen noch niedrigere), aber sehr früh kam es in Celle auch zu revanchistischen Manifestationen, an denen die (M)SPD offen teilnahm, etwa der Massenveranstaltung gegen den "Sklavenfrieden" auf der Stechbahn am 14. Mai 1919. Lediglich KPD und USPD trugen diese Veranstaltung mit, auf der über "schmachvolle Friedensbedingungen" gejammert wurde.
Erfreulicher war dagegen der Streik der Bahnarbeiter in der Eisenbahndirektion Hannover ab dem 4. Juli 1919. Wenigstens an diesem Punkt gab es für die Streikenden Rückendeckung vom örtlichen Gewerkschaftskartell. Dieses Mal war es das Offizierskorps der Celler Garnison, das auf Plakaten den Streikenden drohte. Verstärkung erhielt es am 11.7. durch das Freikorps Jäger-Bataillon Kirchheim. Dieser Trupp machte sich durch willkürliche Verhaftungen, Entfernen mißliebiger Plakate usw. unter den ArbeiterInnen unbeliebt. (M)SPD, USPD, KPD und das Gewerkschaftskartell bildeten daraufhin einen Aktionsausschuß und riefen, nachdem ihre Forderung nach Absetzung des Celler Garnisonskommandeurs und Verlegung des Freikorps ignoriert worden war, für den 24. Juli zum Generalstreik auf. Diese kleine Machtprobe gewann die ArbeiterInnenschaft, nach zwei Tagen Streik wurde ihre Forderung nach Abrücken des Freikorps er-füllt und der Garnisonskommandeur würde in Zukunft nur im Einvernehmen mit dem Magistrat tätig, hieß es...

Die Bürgerwehr

Diese Ereignisse bedeuteten für Celle eine Intensivierung des Bündnisses von Bürgertum und Militär. Letzteres hatte bereits im Juli mit der Aufstellung einer Zeitfreiwilligenwehr (überwiegend Handwerker und ehemalige Soldaten) begonnen, ersteres zog Ende August nach. In Gestalt eines "Bürgerbundes", der ein "Ende der Klassenherrschaft" forderte, wurde die Errichtung einer Bürgerwehr gefordert, deren Notwendigkeit der jüngste Streik bewiesen hätte. Interessanterweise waren Chef - DNVP-Mitglied Wilhelm Jäger - und Vize - Oberstleutnant a.D. Schimmelpfeng - dieses Bundes identisch mit de-nen der Zeitfreiwilligenwehr, sie hatten nur die Rollen getauscht. Unterstützt wurde der "Bürgerbund" durch die "CZ", die eine Kampagne zur Errichtung einer solchen "Einwohnerwehr" startete.
Im Oktober mußte der Magistrat diese Frage entscheiden und stimmte, ebenso wie die BAG im Rathaus, zu. (M)SPD und USPD sprachen sich jedoch dagegen aus, da sie einen Einsatz gegen Streikende dann doch nicht wollten, aber auch, weil (aus naheliegenden Gründen) USPD- und KPD-Mitglieder an diesen bewaffneten Formationen nicht hätten teilnehmen dürfen.
Für die Bürgerlichen blieb nun der Weg des Direktentscheidungsrechtes des Oberpräsidenten des Landes Hannover, d.h. es gingen zahlreiche Eingaben nach Hannover, in denen über angeblich unsichere Zustände in Celle geklagt wurde. Mit Erfolg: Am 30. Januar 1920 wurde die Bildung einer "Einwohnerwehr" in Celle genehmigt.

Kapp-Putsch

Dienstbeginn sollte der 15. März sein. In dieser Situation, am 13. März, begann der Kapp-Putsch, dessen Ziel die Errichtung einer Diktatur war. Der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Kapp hatte 1917 die im 1. Teil erwähnte Vaterlandspartei gegründet, der sich auch der spätere Celler OB Meyer anschloß.
Unmittelbar darauf riefen reichsweit Gewerkschaften, (M)SPD, USPD und KPD für den 15. zum Generalstreik auf. Dem wurde in Celle nur zögernd nach-gekommen, erst nach dem Aufzug der "neuen" "Einwohnerwehr" an strategisch wichtigen Punkten schloß man/ frau sich auch hier dem Generalstreik an. Wie bereits im Juli des Vorjahres wurde ein Aktionsausschuß gebildet, der in der "Union" tagte und von bewaffneten Arbeitern beschützt wurde. Arbeiter patrouillierten außerdem durch die Straßen, wobei sich auf eine gemeinsame Parole mit der "Einwohnerwehr" verständigt wurde.
Entscheidend für den Verlauf des Putsches war das Verhalten des Militärs. Wie der/die aufmerksame LeserIn vielleicht schon vermutet hat, war die Lage in Celle klar: Der zuständige Militärbefehlshaber der Reichswehrbrigade 10, sprach sich eindeutig gegen den Generalstreik, also für den Putsch aus, was der Stadtverwaltung am 14. mitgeteilt wurde. Am 15. druckte die "CZ" den Aufruf des Militärbefehlshabers ab, wie auch einen inhaltlich ähnlichen des "Bürgerbundes".
Nachdem Militär - ein Reichswehrbataillon war noch in Celle - und Bürgertum am 15. und 16. nicht eingegriffen hatten, trafen am 17. März mehrere Hundert Bewaffnete aus der Industrieregion Oldau und Wietze in der Stadt ein. Diese entwaffneten die "Einwohnerwehr" und durchsuchten Häuser nach Waffen. Eine Abordnung des Aktionsausschusses, unter Leitung des Rechtsanwaltes Ernst Hegewisch, ging zum Garnisonsältesten und setzte diesen von der Übernahme der militärischen Macht in Celle durch die bewaffnete Arbeiter(Innen)schaft in Kenntnis - was jenen allerdings nicht sonderlich beeindruckte.
Am Abend trafen sich Offiziere sowie Vertreter der bürgerlichen Parteien im "Celler Hof", um über die Situation zu sprechen; am nächsten Morgen zeichneten sich dann militärische Auseinandersetzungen zwischen Militär/Bürgerwehr und ArbeiterInnen ab, die sich jedoch durch Verhandlungen abwenden ließen. Was auch eine Rolle gespielt haben dürfte, war die Beendigung des Generalstreiks nach Scheitern des Putschversuches und damit verbunden der Abzug der ArbeiterInnen aus der "Union". Allerdings ließen sich es die Celler Militärs nicht nehmen, noch am 19. März Häuser nach Waffen zu durchsuchen, um damit - hatten sich ihre Pläne schon nicht verwirklichen lassen - ihre Macht zu demonstrieren.
In den nächsten Wochen entspannte sich die Situation; die Einwohnerwehr wurde nach zweimonatigem Bestehen zunächst in "Ortsschutz" umbenannt und ein Jahr darauf aufgelöst.

Letzte Zuckungen der revolutionären Bewegung

Bestehen blieb allerdings das materielle Elend der ärmeren Bevölkerung. Mitte August 1921 war das durchschnittliche Einkommen einer ArbeiterInnenfamilie um das viereinhalb- bis achtfache gestiegen, die Lebensmittelpreise aber um das 15- bis 20-fache und mehr. Ab Sommer 1923 stieg dann auch die Zahl der Erwerbslosen rasant an, so daß die KPD die Situation noch einmal für günstig erachtete, grundsätzliche soziale Änderungen auf die Tagesordnung zu setzen: Am 13. August 1923 fand in der "Union" eine Versammlung statt, auf der RA Hegewisch vor über 1000 ArbeiterInnen den Generalstreik empfahl. Die Versammlung verabschiedete eine Resolution, in der v.a. die Errichtung einer Arbeiterregierung gefordert wurde, und beschloß für Celle den Generalstreik, welcher am nächsten Tag begann. Aufgrund der für einen Streik äußerst ungünstigen Bedingungen, nämlich massenhaft Erwerbslosen, also potentiellen Streikbrechern, stand der Streik von vorneherein auf schwachen Beinen. Am 17.August wurde er bereits wieder abgeblasen, ohne daß eine Forderung erfüllt worden wäre - dafür waren die ArbeiterInnen verständlicherweise wieder ein Stück hoffnungsloser geworden.

...Fortsetzung folgt...

einige Abkürzungen:

DDP: Deutsche Demokratische Partei
DHP: Deutsch-Hannoversche Partei
DNVP: Deutschnationale Volkspartei
DVP: Deutsche Volkspartei
(M)SPD: (Mehrheits)sozialdemokratische Partei Deutschlands
USPD: Unabhängige ...Im zweiten Teil dieser Serie geht's um die Novemberrevolution und die anschließende Phase heftiger Auseinandersetzungen. Die kurze Phase relativer Stabilität in der Weimarer Republik (WR) von 1924 bis 1929, die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise und das Erstarken der Faschisten bis hin zu deren Machtübernahme wird im nächsten Heft Thema sein.

Aus: Publiz. Politik und Kultur aus Celle, Nr. 21, Dez./Jan., S. 3-6.

Hintergrund
Weimarer Republik