Zeitzeugenaussagen zum 8. April 1945

In dem Ausstellungskatalog

Ein KZ wird geräumt. Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Die Auflösung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager durch die SS im Frühjahr 1945. Katalog zur Wanderausstellung. Band 1: Texte und Dokumente, Hg.: Katharina Hertz-Eichenrode im Auftrag des Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V., Hamburg 2000, finden sich einige Zeitzeugenaussagen zum 8. April 1945 in Celle:

"Wie ich zu mir kam, befand ich mich im Gemüsegarten eines Bauern, [...] dahin hat es mich aus dem Waggon geschleudert, etwa 30 bis 35 Meter. Als ich zu Bewusstsein kam, zeigte es sich, dass mein Bein ganz, ganz lang war, es war zerschlagen. Und überall war Blut und feine Splitter. Und ringsumher brannte alles. Da begann ich zu kriechen. [...] Dann war hier nach etwa 250 Metern ein Bunker, [...] dort kroch ich hinein. Dort waren etwa acht Menschen, alles Gefangene, Häftlinge.

Nach 20 Minuten [...] kamen zwei Jungen gelaufen. [...] Sie waren etwa 14 Jahre [alt] . Und sie begannen zu schießen. Dann sagte ein Junge: „Wir haben keine Patronen mehr." Und der andere sagte: „Laufen wir schnell, die Mutter gibt uns noch welche." Sie liefen hinaus, und ich sagte [den anderen]: „Haut ab!" Nun, sie machten sich davon, aber mich ließen sie im Stich."

Interview mit Wassilij Lukjanowitsch Krotjuk, ehemaliger Häftling aus der Ukraine, 1993.ANg. OH P 34 [Wassilij Lukjanowitsch Krotjuk wurde wieder aufgegriffen und mit anderen Häftlingen in der Heide-Kaserne in Celle untergebracht, wo sie am 12. April von britischen Truppen befreit wurden.] - S. 213

"Vorne im Zug schrieen die Frauen. Die Flieger drehten ab, aber immer wieder kamen sie. So wurde der Zug bombardiert. Ich flog in den Maschendraht, bin aber nicht getroffen worden. Da benützte ich die Gelegenheit. Ich wollte mein Leben retten und flüchtete durch das MG-Feuer in den Wald der Aller zu. Die MG-Posten schossen hinter mir her. Dann traf ich in der Dämmerung fünf KZ-Frauen — Polinnen und zwei Russen sowie einen Polen namens Märjan. Als es dunkel wurde und wir die ganze Nacht durchmarschiert waren, hörten wir Kanonendonner bis zum Morgengrauen. Am 9. April 1945 kamen wir an eine Waldschneise und wurden von der Wehrmacht aufgefangen. Als Deutscher gab ich gleich zu verstehen, daß ich KZ-Gefangener war und lieber in den Tod ginge als zurück. Uns geschah nichts.

Bericht von Otto Klünder, ehemaliger Häftling aus Deutschland, 1965. ANg. HB 473 - S. 217

"Als ich den Tumult hörte, schnallte ich mein Koppel um und ging auf die Straße. Hier sah ich, wie die Sträflinge die Straße [herauf ] kamen. Den nächststehenden Gefangenen rief ich zu, sie sollten sich sammeln. Es war in diesem Tumult natürlich alles schlecht zu verstehen, weil noch die Männer, Frauen und Kinder dabeistanden. [...] Als ich sagte, daß sie sich sammeln sollen, gab ich zwei Schuß aus meiner Pistole in die Luft ab, damit die Gefangenen und die anderen es hören sollten. Getroffen und verletzt ist niemand, ich konnte ja nicht auf die Gefangenen schießen, weil ich die Frauen und Kinder in Gefahr gebracht hätte, die auch alle auf der Straße herumstanden."

Aussage von Friedrich Loth, Hauptwachtmeister, wohnhaft in Celle, am 16.10.1945 im britischen Ermittlungsverfahren. PRO 309/90 - S. 219

"Am Nachmittag des 8. April, während des Angriffs auf den Bahnhof, sah ich folgendes: Als die Häftlinge aus dem Konzentrationslager auf der Suche nach Schutz auf unsere Häuser zu liefen, sah ich, wie das Parteimitglied Friedrich Loth auf sie schoß. Obwohl andere und ich ihm zuriefen, mit dem Schießen aufzuhören, ließ er sich nicht ablenken und gab mehrere Schüsse ab. Einige der Konzentrationslager-Häftlinge stürzten. Ich weiß nicht, ob sie tot waren oder noch lebten, da wir alle in den Wald rannten, um uns vor den erneuten Bombenangriffen zu schützen.

Aussage von Hanni Duensing, Einwohnerin aus Celle, am 28.5.1945 im britischen Ermittlungsverfahren. PRO 309/90 - S. 219

"Dann begann das Bombardement. Es war so stark, dass unser Waggon auf den Gleisen hochsprang. Wir rannten zur Tür, aber die Aufseherin schrie: „Zurück!", und wir wankten zurück. Die Angst vor den Bomben war sehr groß. [...] Wenn man den Kopf hob, hatte man das Gefühl, dass jede Bombe direkt auf dich zufliegt. Man hatte den Eindruck: da fliegt sie, dreht sich und gleich wird sie dich treffen, gleich tötet sie dich. Wir stürzten uns wieder auf die Tür. Natürlich war die Aufseherin auch erschreckt. Sie schloss die Türen auf, wir sprangen aus dem Waggon und liefen weg. [...] Bis zum Abend wurde bombardiert, und es war furchterregend. [...] [Nach dem Angriff] sammelte man uns. [...] Alles vermischte sich: deutsche Soldaten und wir, KZ-Gefangene. Sie tranken Limonade, wir wollten auch trinken. Sie gaben uns zu trinken. Die Schrecken des überlebten Bombardements haben uns für kurze Zeit vereinigt: deutsche Soldaten und wir, KZ-Insassen, waren in diesem Moment gleichgestellt."

Interview mit Nadezhda Aleksejewna Prokopienko, ehemaliger Häftling aus der Ukraine, 1998. ANg. 1428 [Nadezhda Aleksejewna Prokopienko wurde nach Bergen-Belsen gebracht und dort befreit.]



"In Celle auf dem Bahnhof angekommen, kamen wir in einen Luftangriff der Alliierten. Wir flüchteten aus den Güterwagen, gemeinsam mit unseren Bewachern. Viele von uns starben während des Bombardierens, viele danach beim „Einsammeln".

[Jeder Fluchtversuch] endete tödlich. Viele von uns versuchten, sich durch die Flucht in Gartenanlagen, Keller von Privathäusern zu retten [...]. Die deutsche Zivilbevölkerung verriet uns an die SS-Leute. Später habe ich von niemandem gehört, daß von dieser Seite irgendeine Hilfe angeboten wurde. Es ging ja nicht ums Verstecken — nur etwas Brot oder was Trinkbares."

Interview mit Joanna Kiaca-Fryczkowska, ehemaliger Häftling aus Polen, 1994. ABB AZB

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