"Wie ein Stachel in der Geschichte der Stadt" / Gedenken an Massaker und Bombenangriff

Celle gedenkt dem verheerenden Bombenangriff auf die Stadt vor 60 Jahren und dem oft als "Hasenjagd" bezeichneten Massaker an KZ-Häftlingen. Mit einer Rede und einer Kranzniederlegung am Denkmal für die Opfer des 8. Aprils in den Triftanlagen erinnerte Oberbürgermeister Martin Biermann gestern an die Ereignisse. Bei einem Rundgang am Nachmittag informierten sich Interessierte über die Geschichte Celles im Nationalsozialismus.

CELLE. Mit Kränzen und Blumen am Denkmal für die Opfer der Ereignisse des 8. Aprils in Celle erinnerten Vertreter der Stadt, aber auch viele Bürger gestern an das schreckliche Geschehen. Vor genau 60 Jahren. kamen nach einem amerikanischen Luftangriff auf Celle und einem anschließenden Massaker an KZ-Häftlingen rund 3000 Menschen ums Leben.

Mit Blick auf das Pogrom an KZ-Häftlingen, die nach einem Bombentreffer auf ihren Zug fliehen konnten und auf die dann in der Stadt eine Hetzjagd einsetzte, sagte Celles Oberbürgermeister Martin Biermann: "60 Jahre später sitzt dieses Verbrechen noch immer wie ein tiefer Stachel in der Geschichte unserer Stadt. Er wird uns nie genommen werden. Wir alle können uns der grausamen Tat nur mit großer Scham erinnern." Jeder sei in diesen Tagen nur sich selbst der Nächste gewesen. "Wo Hilfe gefordert war, herrschte Gleichgültigkeit", sagte Biermann. "Wenn wir nicht mehr zur Erinnerung bereit sind, dann laden wir für die kommenden Generationen Schuld auf uns. Denn Rassenwahn und mörderisches Treiben darf es nie wieder geben."

Gleichzeitig dürften aber auch jene rund 800 Celler nicht vergessen werden, vorwiegend Frauen und Kinder aus Neuenhäusen und der Neustadt, die bei dem Bomber-Angriff in ihren Häusern starben. Biermann: "Der Tod selektiert nicht. und es wäre unmenschlich, dieser Opfer nicht zu gedenken."
Der Pastor der Kirchengemeinde Neuenhäusen, Hans-Christoph Hermes, rief zur Auseinandersetzung mit Täter- und Opferrollen auf. Obwohl die meisten Deutschen letztlich Verwandte von Tätern seien, identifiziere man sich mit den Opfern. "Wer sind wir?", fragte Hermes.

Als einzige Überlebende des Pogroms war Stefania Bajer aus Posen nach Celle gekommen. Als 17-Jährige konnte sie in den Wald fliehen, wo sie schließlich mit anderen Frauen aufgegriffen und nach Bergen-Belsen gebracht wurde. "Sehr bewegt", zeigte sie sich von der kleinen Gedenkfeier.
Am Nachmittag unternahm eine Gruppe von Cellern eine Führung an Orte der nationalsozialistischen Vergangenheit. Unter Leitung von Reinhard Rohde und Tim Wegener ging es von der Synagoge durch die Altstadt am Oberlandesgericht vorbei zur Gedenkstätte in den Triftanlagen. Dabei wurde auch Halt an den neu verlegten Stolpersteinen in der Bergstraße und am Markt gemacht. Sie erinnern an ehemalige jüdische Bewohner der Häuser, die deportiert wurden.

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