Versuch, sich seinen Nazi-Vater von der Seele zu Schreiben / Hans Nolte – ein Nationalsozialist in Diensten der CZ

Die Generation der noch im Krieg Geborenen zieht Bilanz. Dabei kommt sie nicht umhin, sich mit der Rolle ihrer Eltern im Nationalsozialismus zu befassen. Das verspricht einiges. Sitzen die Kinder – zumindest jene aus bürgerlichen Familien – doch auf Schätzen: Fotos, Briefe, Entnazifizierungsunterlagen, Prozessakten. Im Fall von Hans-Hagen Nolte kommt eine Sammlung der Artikel seines 1908 geborenen Vaters Hans Nolte hinzu.

Der schon 1932 in die NSDAP eingetretene Journalist war seit 1939 „Schriftleiter für Politik, Wirtschaft und das unter dem politischen Teil stehende Feuilleton“ der Celleschen Zeitung. Parallel bekleidete er das Amt des Kreispresseamtsleiters der NSDAP.

Auch während seines Einsatzes in der „Waffen-SS/Leibstandarte Adolf Hitler“ blieb er dem Heidestürmer mit Beiträgen für die „Celler Kriegsbriefe“ treu. Nachdem die CZ 1949 ihr Erscheinen wieder aufnehmen durfte, musste Nolte zwar noch einige Monate warten, war dann aber von 1951 bis zur Rente 1973 als Sportredakteur tätig. Als weltanschauliche Spielwiese erhielt er die wöchentlich erscheinende Seite „Fern doch treu“, die mit Berichten über die verlorenen Ostgebiete die revanchistischen Träume der Leser*innenschaft bediente. Als freier Mitarbeiter schrieb er noch bis zu seinem Tod 1978 Filmkritiken.

„Messerscharf. Versuch, sich seinen Nazi-Vater von der Seele zu schreiben“ ist der Titel des Buches, das Hans-Hagen Nolte jetzt im Eigenverlag herausgebracht hat. Der 1944 geborene Autor machte auf dem HBG Abitur und war bei seiner Pensionierung Leiter der Ikarus-Grundschule in Lachendorf. Herausgekommen ist ein Erinnerungsbuch, das genausoviele Fragen aufwirft, wie es beantwortet.

Ein Problem beim Erzählen über den eigenen Vater ist die Distanz. Der Autor versucht diese Distanz zu finden, indem er seine subjektiven Kindheitserinnerungen einem „kleinen Hagen von Tronje“ auferlegt (der Nazi-Vater gab seinen Kindern Namen aus der Nibelungensage), um als Hans-Hagen sein frühes Erleben zu reflektieren. Leider gehört zu seiner Bewältigungsstrategie auch ein humoristischer Sound. Das konnte vielleicht noch bei Kempowskis „Tadellöser & Wolff“ in den 1970er Jahren funktionieren. Angesichts der vergangenen 30 Jahre historisch-kritischer Aufarbeitung des Nationalsozialismus wirkt der Tonfall heute verharmlosend. Ein Beispiel:

„In großen Zeiten darf man nicht im kleinen Glück verharren, zumal wenn der „Führer“ anhebt, einen Krieg gegen den „ganzen Planeten“anzuzetteln. Das mussten auch Helmi und „Pürzilein“ (Waltraud) einsehen. Der „Führer“ brauchte den „Vati“.“ (131f.)

Im Nürnberger Prozess wurden die Waffen-SS wie auch die allgemeine SS wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verbrecherischen Organisationen erklärt. Einheiten der "Leibstandarte Adolf Hitler" waren u.a. beteiligt am "Malmedy-Massaker", bei dem 72 amerikanische Soldaten erschossen wurden, obwohl sie sich bereits ergeben hatten. Bei der Rückeroberung Charkows, bei der auch Nolte beteiligt war, töteten Angehörige der SS-Einheit eine große Anzahl Verwundeter und Gefangener. Auch in Italien gehen Massaker und Massenmorde auf ihr Konto. Im „Kriegstagebuch“, das Nolte bis Ende 1943 führte liest sich das so:

„Die ganze Zivilbevölkerung ist [zum Ausheben von Panzergräben] aufgeboten. Zwei Russen kneifen aus und stolpern in wilden Sprüngen querfeldein. Wir knallen drauf. Der eine wirft sich noch einmal hoch, dann liegt er. Der andere hat Tot gemimt und ein Landser holt ihn zur Rollbahn, wo kurzer Prozess mit ihm gemacht wird.“

Dem Autor ist klar, dass der Vater sich hier an einem Kriegsverbrechen aktiv beteiligt hat. Im trauten Familienkreis waren die Verbrechen kein Thema, auch wenn der Vater mitgebrachte Freunde seiner Kinder in den 1950er Jahren immer mit dem Bekenntnis überfiel: „Ich war bei der Waffen-SS, Leibstandarte Adolf Hitler!“
Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden, hatte Nolte in der Nachkriegszeit aber anscheinend nur als Adolf Eichmann in Jerusalem der Prozess gemacht wurde. Denn die Wohnung der Noltes im in den 1970er Jahren abgerissenen Trüller-Haus vor der heutigen Stadtbibliothek, fanden Treffen von Alt-Nazis statt, die Eichmann bei seiner Flucht nach Argentinien halfen. Aber Noltes Name fand im Prozess keine Erwähnung.

Eichmann lebte bekanntlich unter dem Namen Otto Henninger zwischen 1946 und 1950 als Waldarbeiter und Hühnerhalter in Altensalzkoth. Diese Episode in Eichmanns Leben ist aus der Literatur weitgehend bekannt. Auch die Rolle von Luis Schintlholzer, der schließlich Eichmann in jenem DKW-Cabriolet nach Italien fahren sollte, in dem auch der kleine Hagen mit „Onkel Luis“ die eine oder andere Runde drehen durfte. Bisher unbekannt allerdings war, dass die alten Nazis sich im Wald beim Forsthaus Kohlenbach, also in Eichmanns Nachbarschaft, bei „geselligen Sommercamps“ zu Vorträgen traf. Das Foto auf dem Titelbild zeigt Hans Nolte am Rednerpult. Auf zwei anderen Fotos, die nicht veröffentlicht sind, soll auch der spätere Zahnarzt und Sportfunktionär Günther Volker zu sehen sein, nach dem das Stadion des TuS-Celle benannt ist, sowie unter den Zuhörer*innen die CZ-Redaktionssekretärin Anneliese Stankuweit.

Wie sich der Sportredakteur „die Gesinnung und den Schneid […] auch nach der Zeitenwende nicht abkaufen“ ließ, beschreibt Hans-Hagen Nolte im letzten Fünftel des Buches. Von der Verteidigung der Angeklagten im Malmedy-Prozess, der Reinwaschung nationalsozialistischer Schriftsteller und revanchistischen Opfermythen hielten sich die Kinder im Hause Nolte interessanterweise fern. Sie weigerten sich, seine Artikel zu lesen: „Sobald sie nur halbwegs eigene Gedanken zustande brachten, gingen sie alle drei „von der Fahne“.“ Leider fällt der Autor in den humoristisch-familiären Plauderton, der Aufklärung verhindert und insoweit vielleicht auch als Schutzschild dient. Denn eine Frage ist doch: Wie lösen sich Kinder von einem Vater, der an seiner nationalsozialistischen Gesinnung festhält? Und gesellschaftlich gefragt: Welche Erklärungen ergeben sich aus dem familiären und kleinstädtischen Mikrokosmos dafür, dass sich ein Nazi bis in die 1970er Jahre hinein anerkanntes Mitglied einer Stadtgesellschaft sehen darf?

Trotz der benannten Schwächen gibt das Buch einen Einblick, wie Nazi-Karrieren sich in kleinstädtischen Milieus – wenn auch nicht ganz bruchlos – in der Bundesrepublik weiterentwickeln konnten. Das „Warum“ lässt sich nur erforschen über die Analyse der gesellschaftlichen Institutionen, die das möglich machten. Dazu gibt es auf lokaler Ebene bisher eigentlich nichts.

Hans-Hagen Nolte: Messerscharf. Versuch, sich seinen Nazi-Vater von der Seele zu schreiben. Celle 2017. ISBN: 9783741899560, 352 S., 18,49 Euro.

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