"Über die Aller einen Kopf bilden" - Als der Krieg zu Ende ging

Knapp vier Wochen bevor Nazi-Deutschland endgültig am 8. Mai 1945 kapitulierte, war für Celle der Krieg vorbei.
Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkte am 12. April: "Bei Schwarmstedt wechselvolle Kämpfe. Der Gegner konnte über die Aller einen Kopf bilden. Heute früh ging Celle verloren."
Dieses für viele Deutsche mit leidvollen Folgen verbundene Ende des Weltkrieges war kein unbegreiflicher Wille oder unerforschlicher Ratschluss Gottes, der mit dem Wort Schicksal verbunden wird. Es war die logische Konsequenz eines barbarischen Systems, das durch die Billigung und die aktive Unterstützung von der Mehrheit der Deutschen Anfang der 30er Jahre im Nazismus geschaffen wurde.
Bis zuletzt wünschten die Anhänger dieses Systems die totale Vernichtung ihrer Gegner und handelten danach. So, als drei Tage bevor die alliierten Truppen Celle einnahmen, am 8. April 1945 noch eine große Treibjagd auf wehrlose KZ-Häftlinge im Neustädter Holz veranstaltet wurde.
Im letzten Moment noch sollten die schlimmsten Spuren der Barbarei verwischt werden und sich im Qualm der Selbstauflösung verziehen. Die folgenden Auszüge aus Aufzeichnungen von Anneliese H., die in den letzten Kriegsmonaten noch zur Kriegerwitwe wurde, und von dem damals siebenundsiebzigjährigen Pastor i.R. Rasch, der in der Fritzenwiese wohnte und seine Eindrücke am 4. Mai 1945 niederschrieb, mögen neben den abgebildeten Fotos, die am 12. und 13. April 45 von britischen Offizieren gemacht und uns freundlicherweise vom "Imperial War Museum" in London zur Veröffentlichung freigegeben wurden, die Situation und die Stimmung unter der Bevölkerung vor vierzig Jahren verdeutlichen.
Wie Frau H.schreibt, die damals in einem Haus in der Mühlenstraße wohnte, dessen Nachbarhaus der SA-Standarte gehörte und in dem auch der Sicherheitsdienst (SD) seine Büros hatte, wurde tagelang vor dem 12. April auf dem Hof des Grundstücks ein großes Feuer unterhalten. "In Unmengen von Akten mußte ständig gestokert werden, damit sie auch richtig verbrannten. Ein SA-Führer versah diesen Dienst, und es bot sich ein faszinierendes wie schauriges Bild, wenn das rote Futter seines weiten Umhanges von den Flammen angestrahlt wurde."
Pastor Rasch schildert: "Die Einwohnerzahl von Celle war schon im Februar von rund 40.000 im Anfang des Krieges auf rund 60.000 gestiegen. Die Lebensmittelknappheit machte sich schon sehr fühlbar, das Gedränge vor und in den Läden wurde fürchterlich. Es wurden Gassperrstunden und -tage eingeführt, auch der Strom zeitweise gesperrt. Vor allem aber gab es jetzt eine große Wohnungsnot: Schulen, Turnhallen und andere öffentliche Gebäude, auch zwei Kirchen - die Blumläger und die Neustädter - wurden mit Flüchtlingen belegt, auch mehrere Hilfskrankenhäuser eingerichtet für die vielen Kranken und Sterbenden. Und das Städtische Wohnungsamt war zum Verzweifeln bemüht, die Obdachlosen in den Häusern unterzubringen. (...) Nun stand auch das Schicksal von Celle auf dem Spiele. So gingen denn nun bald die bangen Fragen von Mund zu Mund:'Wird die Stadt verteidigt werden oder nicht?' 'Wird die Sprengung der Allerbrücke, die schon vorbereitet war, durchgeführt werden oder nicht?' 'Wo stehen die Feinde? Von welcher Seite sind sie zu erwarten? Usf.' So gingen die Tage in Unruhe und Spannung dahin. Die widersprechendsten Gerüchte schwirrten durch die Luft, weder Stadtverwaltung noch eine militärische Stelle gab einen Ton von sich, um die Bevölkerung aufzuklären oder zu beruhigen. In und auch schon vor dieser Zeit begannen die Beteiligten bereits den nahenden Zusammenbruch des Dritten Reiches sicherheitshalber zu rüsten. Hitlerbilder verschwanden still von den Wänden, Parteiakten wurden vernichtet, SA- und SS-Uniformen in Waschkesseln verbrannt, und der Kreisleiter verduftete vorsorglich! - Das Osterfest verlief noch einigermaßen ruhig, nur daß am zweiten Tage morgens viele eine schmerzliche Überraschung erlebten, indem alle Fahrräder, die sich auf der Straße sehen ließen, beschlagnahmt wurden. Im Laufe der Woche gingen dann allerhand Truppenbewegungen durch die Stadt; Last- und Kraftwagen jagten hin und her, ein Lager von Kriegsgefangenen, darunter grauenerregende Gestalten und Gesichter, wurden hinausbefördert; das Militär zog nach Norden und Nordosten ab, kurz: man merkte die Absicht, Celle nicht zu verteidigen. Der Celler Volkssturm verschwand in der Versenkung. (...) In der Nacht zum 11. April drang starkes Donnern und Beben in die Stadt durch das Sprengen eines Munitionsbetriebes in Scheuen. In der Nacht zum 12. waren wir wieder mit den Hausgenossen im Keller versammelt und warteten der Brückensprengung. Um 12 Uhr kam plötzlich eine Fernsprechmeldung von Anne [Raschs Tochter] aus dem Krankenhause: in zehn Minuten würde die Sprengung vor sich gehen. Wir sollten schleunigst alle Fenster öffnen. Es erfolgte aber nichts. Nach einer Stunde brachte ein Polizist die Botschaft, die Sprengung ginge nun wirklich vor sich. Wir möchten aber im Keller bleiben. Nach weiteren Stunden wurden wir von einem Polizisten aufgefordert, schleunigst den Keller zu verlassen, da das Haus ja unmittelbar an der Allerbrücke gelegen war, und wir flüchteten in den Keller des Oberlandesgerichts und hörten dort das Getöse der Sprengung; dabei wurde sogar die harmlose kleine Pfennigbrücke mit einbezogen. Gegen morgen machten wir uns dann auf den Heimweg und fanden nur wenige Beschädigungen vor. - Gegen sieben Uhr morgens kamen die feindlichen Panzerspitzen vor der Brücke an, bald danach die ersten technischen motorisierten Truppen mit ihrem Lastwagen und Handwerkszeug, und in knapp vierundzwanzig Stunden war die Brücke wieder soweit hergestellt, daß sie befahren werden konnte. Aus der Ferne hörte man noch schießen und sprengen, im übrigen war aber jetzt sozusagen Ruhe, wenigstens Ruhe vor feindlichen Fliegern. Das war die 'heldenmütige Verteidigung von Celle', von der der deutsche Heeresbericht [im Radio] zu reden wußte."

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