Die Celler "Hasenjagd". Darstellung, Erinnerung, Gedächtnis und Aufarbeitung

Gliederung

1. Einleitung ______________________________________ S. 3
2. Der Häftlingstransport ____________________________ S. 3
3. Die Celler "Hasenjagd" ___________________________ S. 4
4. "Celle Massacre Trial" ____________________________ S. 13
5. Erinnerung, Aufarbeitung und Gedächtnis ____________ S. 15
5.1. 1945-1948 ____________________________________ S. 15
5.2. Seit 1948 _____________________________________ S. 19
6. Schluss ________________________________________ S. 22
7. Literaturverzeichnis ______________________________ S. 24

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden die Ereignisse in Celle am 8. April 1945 und den folgenden Tagen dargestellt, die als die Celler "Hasenjagd" bezeichnet werden.
Nach einer kurzen Beschreibung der Zusammensetzung des Häftlingstransportes werden im dritten Teil der Arbeit der Bombenangriff auf Celle und die sich daran anschließende Menschenjagd im einzelnen dargestellt, und es wird versucht, zu zeigen, unter welchen Umständen es dazu kam. Im vierten Abschnitt wird der sog. KZ-Prozess, von den Briten "Celle Massacre Trial" genannt, geschildert.
Die Celler "Hasenjagd" gilt heute als das "dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stadt". [Bertram: April 1945 ... S. 19.] Dass sich diese Einschätzung durchsetzten konnte hat aber bis zu den 80/90er Jahren gedauert. Diese Entwicklung, die in zwei Phasen verlief, 1945-1948 und 1948 bis Anfang der 80er bis 90er Jahren, und ihre näheren Umstände werden abschließend im fünften Teil gezeigt.

2. Der Häftlingstransport

Wegen der immer näher rückenden amerikanischen Truppen wurde das Lager Holzen, eine Außenstelle des KZ Buchenwald, geräumt. Die Räumung erfolgte in drei Schüben. Der erste Transport ging etwa drei Wochen vor Einmarsch der Amerikaner nach dem Stammlager Buchenwald. 14 Tage später ging der zweite Transport vom Bahnhof Eschershausen mit den Häftlingen unbekanntem Ziel ab. Weg und Ziel des dritten Transportes sind nicht genau geklärt.
Der zweite Transport führte über Kreiensen nach Drütte. [Bertram: Bombenhagel und "Hasenjagd" ... S. 226; zur Evakuierung des Lagers Holzen und des Transportes über Drütte nach Celle, sowie die anschließende Flucht, siehe auch das Buch des ehem. Häftlings Werner Altmann: Ohne das Lachen zu verlernen. Ein Berliner Überlebenstagebuch. Berlin 1977.] Hier befand sich ein Außenlager des KZ Neuengamme, dessen Häftlinge bei der Rüstungsproduktion in den "Reichswerken Hermann Göring" eingesetzt waren.
Einschließlich der Häftlinge aus Holzen waren in Drütte zu diesem Zeitpunkt etwa 2800 männliche Häftlinge fast aller europäischer Nationalitäten: die meisten kamen aus Russland, der Ukraine und Polen, dann Franzosen und Niederländer, Deutsche und Tschechen, Jugoslawen, Ungarn, Belgier, Dänen und Italiener, auch Bulgaren, Griechen Spanier, Letten und andere. Hauptsächlich aus Polen, Deutschland und den Balkanländern stammten viele Juden. Der gesundheitliche Zustand der Häftlinge war katastrophal.
Da auch dieses Lager evakuiert wurde, stellte die SS in Drütte einen Transport nach Bergen-Belsen zusammen.
Zusammen mit den Häftlingen aus Drütte und Neuengamme wurden in der Nacht vom 7. auf den 8. April etwa 1200 Frauen und Mädchen aus zwei weiteren Außenlagern Neuengammes, Leinde und Salzgitter, also insgesamt ca. 4000 Menschen, in offenen Waggons zusammengepfercht.
Bewacht wurde der Transport von einer Wachmannschaft der Totenkopf-SS. [Bertram: April 1945 ... S. 10-11.]

3. Die Celler "Hasenjagd"

Bereits am frühen Morgen des 8. April 1945 hatte es in Celle Fliegeralarm gegeben. Es kümmerte sich aber kaum jemand darum, da die Stadt seit Monaten fast täglich von alliierten Bombern überflogen wurde und bisher, bis auf einen Angriff am 22. Februar, verschont geblieben war.
Anscheinend glaubte niemand, dass Celle noch Ziel eines planvollen Großangriffs werden würde. [Bertram: April 1945 ... S. 9.]
Die Celler waren sich aufgrund untrüglicher Zeichen bewusst, dass die Front immer näher rückte. Aus dem Wehrmachtsbericht vom Vortag wusste man, dass die Alliierten über Hameln weiter nach Osten vorstießen. Es konnte also nicht mehr lange dauern, bis sie Celle erreichen würden. Die Soldaten in den Celler Kasernen lagen in erhöhter Einsatzbereitschaft und rechneten damit, zur Nahverteidigung der Stadt eingesetzt zu werden. Der Standortälteste und Befehlshaber Generalmajor Tzschöckell hatte das Proviantamt räumen lassen, damit die Vorräte nicht dem Gegner in die Hände fallen konnten, und die Celler erhielten so eine Sonderzuteilung von Lebensmitteln. [Bertram: April 1945 ... S. 9.] Dies war angesichts der stark angewachsenen Bevölkerung weitaus interessanter als der fast zur Routine gewordene Fliegeralarm. [Bertram: Celle ... S. 326.]
Gegen Mittag wurden zwar einzelne Flugzeuge, offenbar Aufklärer, über der Stadt gesehen, doch war auch dies nichts Neues. Mehr Beachtung fand im Südosten Celles die Bombardierung der Ölförderanlagen in Nienhagen, die klar erkennbar brannten. Die Celler Feuerwehr rückte aus, um zu helfen. [Bertram: Celle ... S. 326.]
In Zusammenhang mit diesen Angriffen wurde auch die Bahnstrecke von Gifhorn nach Celle von alliierten Bombern überflogen. Deshalb holte der Bahnhofsvorsteher in Celle den bei Wienhausen stehenden Zug aus Drütte von der bedrohten Strecke. Der Zug wurde etwa um 16 Uhr auf ein Gleis des Celler Güterbahnhofs rangiert. [Bertram: Celle ... S. 326.]
Da der Zug größtenteils aus offenen Güterwagen bestand, war schon während der Einfahrt nach Celle für die Anwohner deutlich zu erkennen, dass es sich um einen Häftlingstransport handelte, auch war zu erkennen, in welchem Zustand sich die Menschen befanden. Auf dem Celler Bahnhof angekommen, war außerdem zu sehen, wie leblose, in Decken gehüllte Gestalten weggetragen wurden, obwohl der Bereich von der SS abgeschirmt wurde. [Bertram: April 1945 ... S. 11]
Der Zug hatte in Celle einen längeren Aufenthalt, weil die Lokomotive ausgewechselt werden musste, um 18 Uhr 15 sollte es weiter gehen. Die Häftlinge, die seit Tagen nicht mehr verpflegt worden waren, erhielten in Celle wohl wenigstens Wasser, zu der angekündigten Ausgabe von Brot und Margarine kam es nicht mehr. [Bertram: April 1945 ... S. 11]
Zu diesem Zeitpunkt war anscheinend auch der o.g. dritte Transport aus Holzen angekommen, der wohl direkt von Eschershausen nach Celle ging. In diesem Transport sollen sich etwa 500 Häftlinge befunden haben. Ob er mit dem Transport aus Drütte zusammenrangiert worden ist, ist ungewiss. [Bertram: Bombenhagel und "Hasenjagd" ... S. 226.]
Gegen 17.45 Uhr gab es erneut Fliegeralarm, und Celle wurde jetzt doch noch direkt Ziel eines Angriffs.
Kurz vor 18 Uhr kamen drei komplette Bombergeschwader der 9. US-Luftflotte, insgesamt 132 Maschinen mit einer Last von insgesamt 240 Tonnen Sprengstoff, auf Celle zu. Ihr Ziel waren die Bahnanlagen, ursprünglich wohl im Bereich des Hauptbahnhofs mit den dortigen Brücken und Unterführungen, was diesen Bereich zu einem besonders effektiven Ziel machte, um Verkehrsverbindungen zu zerstören. Trotz klarer Sicht konnte dieses Ziel aber nicht erkannt werden, und der Angriffsschwerpunkt wurde weiter nach Süden zum Güterbahnhof verlagert, wo viele Waggons ausgemacht werden konnten, neben dem Häftlingstransport u. a. ein Personenzug der Wehmacht und ein Munitionszug. [Bertram: April 1945 ... S. 11-12.]
Der Gefangenentransport aus Drütte wurde sofort schwer getroffen, zu den Explosionen der Bomben kamen noch die der Munition vom Zug auf dem Nebengleis. Häftlinge und Wachen versuchten, sich zu retten. Vielen gelang dies nicht. Nach wenigen Augenblicken gab es offensichtlich Hunderte von Toten und Verletzten. Ein ehem. Häftling beschrieb die ersten Momente:
"Wir sahen die Bomben fliegen aus der Luft. Es gab eine Panik. Wie ich im Maschendraht eines Hühnerstalles gelandet bin, weiß ich nicht. Die SS schoß auf uns. Es galt Leben oder Tod!" [nach Bertram: April 1945 ... S. 12; siehe auch Altmann: Ohne das Lachen zu verlernen ... S. 176.]

Auch in der Umgebung des Güterbahnhofs gab es zahlreiche Opfer, weil es in Celle so gut wie keine zuverlässigen Schutzräume gab. Auch Industriebetriebe und das Gaswerk wurden getroffen. Die Explosion des Gaswerks nahm den Flugzeugen die Sicht, so dass einige das ursprüngliche Zielgebiet überflogen und weiter südlich Bomben abwarfen, wo wahrscheinlich auch ein Ende März eingerichtetes "Erziehungslager" getroffen wurde.
Nach ungefähr 70 Minuten war der Angriff vorüber. [Bertram: Celle ... S. 328-329.]
Im Gegensatz zum Luftangriff vom 22. Februar gab es keine organisierte Hilfe. Zwar kehrte die Feuerwehr unmittelbar nach Beginn des Angriffs aus Nienhagen zurück, auch wurde eine HJ-Einheit zum Bahnhof gebracht, wo sie helfen sollte, aber weder Partei noch Stadtverwaltung oder Wehrmacht koordinierten die Räumungs- und Bergungsmaßnahmen. Im wesentlichen blieb es den Überlebenden überlassen, sich um sich und ihre Angehörigen zu kümmern. [Bertram: April 1945 ... S. 13.]
Die Anzahl der Todesopfer ist nie genau ermittelt worden, im Verwaltungsbericht der Stadt Celle ist von etwa 800 Toten die Rede. Es handelt sich dabei offensichtlich aber nur um einen Teil, nämlich um die, die identifiziert werden konnten, also hauptsächlich Celler Bürger, in Celle untergebrachte Flüchtlinge und Soldaten, die in den betroffenen Wohngebieten umkamen. 125 Häuser wurden völlig zerstört, 550 erheblich und 614 gering beschädigt. [Bertram: Celle ... S. 330.]
Die unzähligen unbekannten Toten im Bereich des Güterbahnhofs wurden nie gezählt. Noch nach Wochen wurden dort Leichen und Leichenteile gefunden.
Diese Toten waren Fremdarbeiter, Eisenbahner, Angehörige der Wehrmacht und der SS, größtenteils aber die KZ-Häftlinge in dem Transport aus Drütte, von denen etwa die Hälfte bei dem Luftangriff ums Leben kam. [Bertram: Celle ... S. 330 ; diese Zahl deckt sich auch mit der Schilderung des ehem. Häftlings in Drütte Jan Starczewski (Suchowiak: Die Tragödie ... S. 107.)]
Viele fanden aber noch anschließend den Tod.
Wie bereits erwähnt, schoss die SS-Wachmannschaft gleich nach dem Einschlagen der ersten Bomben auf Häftlinge, die versuchten, vom Gelände des Güterbahnhofs zu fliehen, um dem Feuer und den anhaltenden Explosionen, aber auch den Wachmannschaften zu entkommen. [Bertram: April 1945 ... S. 14.]
Aus einem Augenzeugenbericht geht hervor, dass auch ein Offizier vom Wehrmachtszug, der laut schrie: "Rette sich, wer kann!", sofort von der SS erschossen wurde. Im selben Bericht wird geschildert, dass überlebende Häftlinge, die nicht fliehen konnten, von der SS eingekreist und auf eine Wiese getrieben wurden. Laut Bericht war bereits zu diesem Zeitpunkt die Polizei beteiligt, die zwischen die Häftlinge trat, ungefähr zwanzig abtrennte, ihnen befahl, sich auf den Boden zu legen und sie mit Genickschüssen tötete. [Augenzeugenbericht Hans Bluhm in Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.] Ein weiterer Augenzeuge berichtet von einem Feuerwehrmann, der einen auf dem Boden knienden Häftling, der ihn anflehte nicht zu schießen, ermordete. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.]
Die meisten der Häftlinge, die vorerst entkommen konnten, wandten sich in Richtung Westen, wo sie den Rand des Neustädter Holzes sehen konnten. Andere liefen aber auch stadteinwärts. Hier sahen die Celler auf einmal ausgemergelte, zum Teil verletzte Menschen herumirren. Viele der Geflohenen versuchten, auf der Suche nach Schutz, Nahrung oder Kleidung in Läden und Privathäuser einzudringen, deren Bewohner sich noch in den Kellern aufhielten. Nach dem Bombenangriff kam es zu Begegnungen wie die von Bertram interviewte Elisabeth Henschel aus der Sophie-Dorothee-Straße sie schildert:
"Nun kamen wir erst mal nach oben, war keine Tür mehr drinnen. Türen und Fenster waren alle durch den Druck von Bomben, war alles 'raus, die ganzen Fensterscheiben 'raus. Die waren bis zum Herd hin gefallen, die lagen alle auf diesen Bratkartoffeln und auf den Koteletts. Und denn stand da so ein kleiner Mann, der hatte mehr Angst wie ich vielleicht, nicht? Ich weiß es nicht, und ich weiß auch nicht mehr, was ich gesagt habe. Er sagte bloß jedenfalls, wie ich mit meinem Jungen da 'reinkam: "Ich auch so einen Jungen haben."" [Bertram: April 1945 ... S. 14.]
Diese Zusammentreffen liefen sehr unterschiedlich ab. Es kam vor, dass man zuließ, dass die Häftlinge sich nahmen, was sie brauchten oder verhinderte zumindest nicht, dass sie sich in einen Keller flüchteten. In anderen Fällen wurden sie aber umgehend wieder auf die Straße gejagt. Egal wie unterschiedlich die Reaktionen waren, lässt sich eines jedoch feststellen: im allgemeinen fühlten die Celler sich nicht von den Fremden bedroht, denen es ganz offensichtlich nur darum ging, sich in Sicherheit zu bringen. [Bertram: April 1945 ... S. 15.]
Das war auch dringend geboten, denn die SS-Wachmannschaft hatte die Verfolgung aufgenommen und machte mit der ihr eigenen Brutalität Gebrauch von den Waffen. Ein Vorfall in der Sophie-Dorothee-Straße steht exemplarisch für viele, die sich gleichzeitig ereigneten. Auf einmal erklangen hier Trillerpfeifen, offenbar als Signal für die Häftlinge, sich im Freien zu sammeln. [Bertram: April 1945 ... S. 15.] Elisabeth Henschel weiter:
"Wie die 'rauskamen, die wurden gleich erschossen. Die lagen denn vor der Tür. Und über die Straße weg, da war ein Laternenpfahl, da saß einer, der hatte keine Beine mehr. Der schrie bloß immer: >Wasser! Wasser!< Der wollte etwas zu trinken haben. Aber wir konnten doch nicht, wir durften doch nicht. Und die Jungens, die wollten immer ... Ich sagte: >Geht da nicht hin!<" [Bertram: April 1945 ... S. 15]
Die Verhältnisse in Celle waren sehr unübersichtlich und viele Ereignisse liefen gleichzeitig aber isoliert voneinander ab, so dass im einzelnen nicht genau rekonstruiert werden kann, was am 8. April und den folgenden Tagen passierte.
Sicher ist aber, dass die SS-Leute aus Drütte bei der Jagd auf die Häftlinge nicht lange allein blieben, denn offensichtlich sahen sich wohl mehrere Stellen veranlasst, Maßnahmen zu ergreifen, um die geflohenen Häftlinge wieder zusammenzutreiben.
Welche Rolle die NSDAP und ihre Gliederungen in diesem Zusammenhang spielten, ist laut Bertram nicht näher zu ermitteln. Durch Ermittlungen nach dem Krieg wurde aber deutlich, dass zumindest einige höhere Funktionäre schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt an den Vorgängen beteiligt waren. [Bertram: Celle ... S. 331.] Dies geht auch aus dem Bericht eines weiteren von Bertram interviewten Augenzeugen hervor, der die Vorgänge an der Fuhrberger Straße schildert. Hier taucht auch der Begriff "Hasenjagd" auf:
"Das erste, was wir also gesehen haben, wie wir dann wieder nach Hause kamen - der Qualm, der war ..., da brannte ja alles, also man kam in Riesenqualmwolken - und auch immer wieder Explosionen, als wenn so Munition oder so was in die Luft flog. ... Ich sah also von weither - erst mal auch Gewehrfeuer, Maschinenpistole, aber mehr so Einzelschüsse, mehr Einzelschüsse - sah also Männer in grau-blau gestreiften, breit gestreiften, Hosen und Jacken und solche randlosen - auch aus dem gleichen Stoff - randlosen Mützen auf, die also wie die Hasen übers Feld jagten, aus diesem ... Wichmannschen eingezäunten Blumenaufzuchtgarten, will ich mal sagen. Da schossen die also 'rein, und dann - als wenn man so 'ne Hasenjagd macht - dann sausten da so sieben, acht oder auch einzelne, manchmal ganze Trauben, sausten, also kamen aus diesen Hecken 'rausgebrochen, und, wie gesagt, die SS-Leute und auch SA-Leute, sag' ich, SA, ja, waren welche, also in Uniform, aber die hatten Deckelmützen auf, das waren also nicht normale, sondern die, die nicht Soldaten werden brauchten, irgendwelche Funktionsträger ..., 'Goldfasane' sagten sie, glaub' ich, auch dazu. Die trugen also Armbinden, die immer wohl noch diesen ..., diese Armbinden noch mit so irgendwelchem Lorbeergold eingefaßt waren, also irgendwie höhere Tiere." [Bertram: April 1945 ... S. 15-16.]
Nach einem anderen Bericht waren bewaffnete SA-Männer unterwegs, um ihre Kameraden zum Einsatz zu holen. [Bertram: April 1945 ... S. 16.]
Auch auf der Luftschutzbefehlsstelle im Celler Schloss wurde schnell gehandelt. Ein Melder brachte die Nachricht, dass ein Gefangenenzug getroffen worden sei, und dass die Insassen, die sich in den Besitz von Waffen aus einem anderen Zug gebracht hätten, nun plündernd durch die Neustadt zögen. Eine Gruppe von zwölf Polizisten wurde der SS zugeteilt, um bei der Festnahme zu helfen. Wer plündere, Widerstand leiste oder flüchte, sollte erschossen werden. Die Beauftragten verhielten sich dementsprechend. Mehrere Zeugen beobachteten, wie Polizei und SS scheinbar wahllos Häftlinge niederschossen. [Bertram: Celle ... S. 331.]
Generalmajor Tzschöckell erhielt nach eigenen Angaben sowohl von der Stadtverwaltung, als auch von der Ortspolizei und der Staatsanwaltschaft, die gleiche Nachricht: Ein Zug mit Insassen eines verlegten Zuchthause sei getroffen worden, die Häftlinge hätten sich mit den Waffen der geflohenen oder toten Wachmannschaften ausgerüstet und würden plündern und Gewalttaten verüben. Ein Einschreiten sei also dringend nötig, und Tzschöckell befahl einem Hauptmann, mit einer Einheit aus Versprengten und SS-Leuten für "Ruhe und Ordnung" zu sorgen. [Bertram: April 1945 ... S. 16.]
An der Neustädter Schule sammelte sich dieses "Greifkommando", zu dem jeder eingeteilt wurde, der in der Nähe und als Soldat zu erkennen war. Vermutlich wurden für den Gebrauch der Waffe ähnliche Weisungen ausgegeben wie für die der SS zugeteilten Polizisten. Auf jeden Fall hörte man auch aus dem von Soldaten durchkämmten Gebiet bis tief in die Nacht Schüsse und die Schreie Getroffener. Gegen 24 Uhr wurde Tzschöckell gemeldet, dass die überlebenden Häftlinge auf einem Sportplatz am Neustädter Holz zusammengetrieben worden seien und dort unter Bewachung von Polizei und Hilfspolizisten stünden.
Neben dem organisierten Einsatz von Sicherheitskräften, wurden auch Personen aktiv, die offenbar dazu nicht aufgefordert worden waren. Dies waren vor allem Zivilisten, die einzeln oder in Gruppen Jagd auf die Häftlinge machten. Ob die Feuerwehrleute, die vom Flugplatz kamen, offiziell den Befahl erhalten hatten, auf die Fliehenden zu schießen, ist nicht geklärt, auf jeden Fall taten sie es ohne Zögern.
Am Morgen des 9. April zeigte sich, was in der Nacht geschehen war. Überall zwischen Bahnhof und Neustädter Holz und im Wald selbst lagen tote und sterbende Häftlinge. Das Einsammeln der Leichen, organisiert von SS und Polizei, begann. [Bertram: Celle ... S. 332.] Die Verantwortlichen des Bahnhofs baten die Stadtverwaltung, die Opfer der Bomben fortschaffen und begraben zu lassen. Da die Bergungsarbeiten u.a. aber durch anhaltende Fliegeralarme beeinträchtigt wurden, ordnete die Stadtverwaltung an, die Toten an Ort und Stelle zu begraben, woraufhin Angehörige der Organisation Todt, von SA und SS und des Arbeitsdienstes begannen, die Bombentrichter an den Gleisen mit Leichen zu füllen. [Bertram/Voss: Vom Ende des NS-Regimes ... S. 19-20.]
Kleine Gruppen von Bewaffneten suchten jetzt in Häusern und Gärten nach versteckten Überlebenden, mancher Verwundete erhielt hierbei den sogenannten "Gnadenschuss". [Bertram: Celle ... S. 332.] Spätestens jetzt nahm auch der Celler Volkssturm an den Handlungen teil, wie auch aus dem Bericht eines damals 13 jährigen Cellers hervorgeht, der einen ihm bekannten Volksturmmann und zwei SS-Leute begleitete und für sie Munition trug:

Wir marschierten die Wittestraße hinunter und guckten hier und dort in die Büsche. Und da wurde gestöbert und da. Ich blieb natürlich immer auf dem Weg. So neugierig, wie ich war, genauso viel Schiß hatte ich auch, weil ich das ja am Vortage miterlebt hatte ... Es wurden da alle möglichen Sachen durchsucht, und wir kamen also an diese Senke 'ran, da wo heute der Minigolfplatz ist. Da war eine schöne Heidefläche. Es standen Kiefern darauf, sie standen da so lose zerstreut, sie waren etwa mannshoch, würde ich sagen. Es waren auch kleine Birkenbüsche dabei. Und jedenfalls sagte jemand: "Es sind wohl alle tot." Und wir gingen näher 'ran, und einer dieser SS-Leute pflückte einen kleinen Birkenzweig von der Birke ab und schlug ihm dem Toten, der vor ihm lag, ins Gesicht. Und da sah ich, daß sich bei dem Toten die Augenlider bewegten, die geschlossen waren. Also ein Zeichen, daß er noch nicht tot war ... Der eine SS-Mann, der Volkssturmmann und ich, wir waren so etwa zweieinhalb Meter von diesem Mann weg, der andere SS-Mann stand seitlich. Er nahm den Karabiner 'runter, lud durch und schoß ihn in den Kopf, so daß die Gehirnmasse uns um die Ohren flog. Ich war in diesem Moment zu Tode erschrocken und auch erstarrt. Ich kann das gar nicht beschreiben, diese Sache. Und dann zogen die so weiter, um auch noch andere zu suchen. Da habe ich gesagt: "Ich muß jetzt ganz schnell weiter." Ich habe den Kasten fallen lassen, und barfuß bin ich durch den Wald nach Hause gelaufen." [Bertram: April 1945 ... S. 17.]

Im Neustädter Holz wurde die Verfolgung der Entkommenen unter Beteiligung von Luftwaffenangehörigen aus Wietzenbruch fortgesetzt. Noch am 10. April, 2 Tage nach dem Bombenangriff, hörte man Schüsse aus dem Wald. Einer Reihe von Häftlingen gelang es jedoch, sich bis zum Eintreffen alliierter Truppen zu verstecken, bzw. sich zu diesen durchzuschlagen. Anscheinend fanden mehrere auch Unterschlupf bei den Fremdarbeitern der Hambührener Munitionsanstalt. Andere wiederum liefen Soldaten oder SS-Einheiten, die an den Vorgängen in Celle nicht beteiligt waren, in die Arme oder wurden von der Landbevölkerung an solche Verbände übergeben. Es kam sogar dazu, dass in einigen Fällen KZ-Häftlinge in Uniformen gesteckt wurden und so bei Kriegsende "die Insignien des NS-Regimes" trugen. [Bertram: April 1945 ... S. 17.]
Etwa 1100 wiedereingefangene Häftlinge wurden nach Celle gebracht. Ungefähr 30 von ihnen, die für Plünderer gehalten wurden, bzw. von denen dies behauptet wurde, wurden zur Exekution herausgegriffen. Etwa die Hälfte der Überlebenden musste unter SS-Bewachung zu Fuß den Weg nach Bergen-Belsen antreten, wo aber nicht alle ankamen. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen. Die Überlebenden erreichten am 10. April Bergen-Belsen. Hier herrschten Hunger und Seuchen, das Lager war restlos überfüllt. [Bertram: Celle ... S. 333.]
Für die nicht mehr Marschfähigen stellte Generalmajor Tzschöckell Baracken auf dem Gelände der Heidekaserne zur Verfügung. Tzschöckell bat die verantwortlichen Stellen in der Stadt um Bewachung des Kasernentors um Zusammenstöße der Bevölkerung mit den Häftlingen zu vermeiden. Nach dem Krieg sagte Tzschöckell, dass die Stadt für Verpflegung und medizinische Betreuung sorgen sollte, wobei diese Anordnung entweder nicht gegeben oder aber, wenn überhaupt, nur höchst unzureichend befolgt wurde: bis zum Einmarsch der Briten starben viele Häftlinge an Entkräftung.
Der Chronist der britischen Truppen, die Celle am 12. April besetzten, beschreibt die Zustände in der Heidekaserne als "a Belsen in microcosm": einige hundert Tote und Sterbende, um die sich anscheinend niemand gekümmert hatte, und von deren Existenz sich die Celler völlig überrascht zeigten. Um dieser Ahnungslosigkeit abzuhelfen, zogen die Briten die Bevölkerung heran, um Leichen fortzuschaffen und die Lebenden zu versorgen. [Bertram: April 1945 ... S. 18.]
Nach allen bekannten Fakten ergibt sich eine chaotische, unübersichtliche Situation, in der es zu einem "Exzeß der Unmenschlichkeit" kam, und viele Fragen werden sich wahrscheinlich nie ganz klären lassen. [Bertram: April 1945 ... S. 18.]
Nach Mijndert Bertram lässt sich das Handeln der Täter nicht alleine auf eine Befehlslage zurückführen, denn viele handelten aus freien Stücken und eigenem Antrieb. Er stellt einige spezifische Rahmenbedingungen dar, in denen die völlige Hemmungslosigkeit ihren Ursprung hatte, mit der viele, die mehr oder wenige spezifische Befehle erhalten hatten, vorgegangen waren:
Zum einen waren dies über zwölf Jahre nationalsozialistischer Gewaltherrschaft mit einer Propaganda, die alle Gegner des Regimes für minderwertig erklärte und weitgehend das Unrechtsbewusstsein geschwächt habe. Ein langer und mit äußerster Grausamkeit geführter Krieg habe den Tod zur Alltäglichkeit gemacht und die Bereitschaft, selbst zu töten, erhöht. Schließlich sei durch die näherrückende Front, den abzusehenden Zusammenbruch des Dritten Reiches und die damit verbundene Ungewissheit über die Zukunft, besonders bei den Funktionsträgern der Partei und ihrer Organisationen, eine Endzeitstimmung erzeugt worden, in der man dazu neigen konnte, noch einmal die eigene Macht auszuspielen, bevor es damit vorbei war. [Bertram: April 1945 ... S. 18-19.]
Dennoch kam es in großem Maße auf den einzelnen an, wie er sich verhielt. Dies zeigen vereinzelte Beispiele der Humanität den Häftlingen gegenüber. In einigen Fällen wurde verwundeten Häftlingen von der Bevölkerung Erste Hilfe geleistet. Auch fanden Opfer des Luftangriffs, die eindeutig als KZ-Häftlinge erkennbar waren, wie auch einige Fremdarbeiter, bereits am Tag des Angriffs Aufnahme im Krankenhaus St.-Joseph-Stift. Bezeugt ist auch der Fall eines Polizisten, der einem Geflohenen, der ihn darum bat, zu essen gab. [Bertram: April 1945 ... S. 19.] Auch der Bericht eines Soldaten in der "Hannoverschen Presse" von 1950, der sich, als er sich der Situation bewusst geworden war, in die Kaserne "verdrückt" habe, um nicht zu einem "Greifkommando" eingeteilt zu werden, zeigt, dass anderes Handeln mitunter durchaus möglich war. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.]
Dies waren aber im wesentlichen Einzelfälle, und so zieht Bertram folgendes Fazit:

"Alles in allem überwiegen aber die Akte der Barbarei so eindeutig, dass sie die Ereignisse jener Tage als das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stadt Celle erscheinen lassen. Ähnliches geschah im Zusammenhang mit der Räumung von Konzentrationslagern bei Kriegsende auch andernorts - nirgends aber wohl in diesem Umfang und derart unter den Augen, ja unter der Beteiligung der Bevölkerung. Die Vorgänge in Celle können daher als exemplarisch für die Verrohung und Gewalttätigkeit betrachtet werden, die vom Nationalsozialismus ausging." [Bertram: April 1945 ... S. 19.]

Diese Einschätzung findet sich auch bei Klaus Neumann, der Beispiele ähnlicher Ereignisse gibt, z.B. aus Lüneburg, wo in der Lokalpresse die Zivilbevölkerung aufgerufen wurde, zu helfen, Häftlinge einzufangen und die, die Widerstand leisteten, zu töten, nachdem ein Zug mit KZ-Häftlingen von Bomben getroffen worden war. Auch der Begriff "Hasenjagd" wurde andernorts für ähnliche Ereignisse verwendet, z.B. als Anwohner in der Nähe des KZ Mauthausen Jagd auf entflohene sowjetische Gefangene machten. Auch Neumann macht aber dennoch deutlich, dass die Vorgänge in Celle eine Besonderheit darstellten. [Neumann: Shifting Memories ... S. 49. Als eine Besonderheit stellt Neumann z.B. heraus, daß die Ereignisse in Celle in Hermann Löns Roman "Der Werwolf" von 1910 sozusagen vorweggenommen wurden. Neumann zeigt die Parallelen der Bauern im Roman, die gegen eindringende Soldaten kämpfen, zu den Zivilisten, die 1945 Jagd auf die Häftlinge machten. Beide Gruppen, die Soldaten und die Häftlinge, werden als Räuber und Plünderer bezeichnet, das Mensch-Sein wird beiden abgesprochen. Die Motive sind mehr oder weniger gleich. Auch die von Fueß Interviewten sahen sich in einer ähnlichen Lage wie die Bauern in Löns Roman, die sich gegen Eindringlinge wehren mußten. Wie Löns Figuren weigerten sich auch die Täter 1945, das Ausmaß der Gewalt, die von ihnen selber ausgegangen ist, zuzugeben. (S. 49-52)]
Diese Einschätzungen werden auch durch die div. Augenzeugenberichte unterstützt, die zweierlei nahe legen: erstens, dass die Täter mit der Mentalität von Jägern vorgingen, und zweitens deutet die Vielzahl von Genickschüssen darauf hin, dass die Täter sich nicht in einer Kriegshandlung sahen, sondern freiwillig die Henkersrolle übernahmen. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 3.]

4. "Celle Massacre Trial"

Die Briten begannen schon kurz nach ihrem Einmarsch mit Ermittlungen, um die Vorgänge vom 8. April und den folgenden Tagen aufzuklären.
Einige der Hauptbelasteten hatten sich anscheinend ihrer Verantwortung entzogen, teilw. durch Selbstmord, schließlich wurden aber doch 14 ehemalige Wehrmachtsangehörige, politische Leiter und Polizisten des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt, und im Dezember 1947 begann vor dem Einfachen Militärgericht in Celle der sog. KZ-Prozess, von den Briten treffender "Celle Massacre Trial" genannt. Fortgesetzt wurde dieser Prozess im April und Mai 1948 vor dem Höheren Militärgericht, zunächst in Hannover, dann wieder in Celle.
Die Untersuchungsbehörde kam zu dem Ergebnis, dass 200 bis 300 Menschen bei der Treibjagd umgebracht worden sind. In dieser Zahl sind nicht die enthalten, die später in der Heidekaserne starben. Die Anzahl der wiedereingefangen Häftlinge wurde durch die Untersuchungen bestätigt. [Bertram: April 1945 ... S. 19.]
Der Staatsanwalt bescheinigte abschließend allen Angeklagten, dass es genüge, insofern schuldig zu sein, dass sie bei der Tat geholfen, ihr zugestimmt oder dabeigestanden hätten. [Bertram: April 1945 ... S. 19-20.]
Aufgrund von nicht ausreichendem Beweismaterial konnten nicht alle Angeklagten eindeutig des Mordes oder der unmenschlichen Behandlung von Häftlingen überführt werden, und es kam zu sieben Freisprüchen. Vier Angeklagte wurden als "Beitäter" eingestuft, denen zugebilligt wurde, unter Befehl gehandelt zu haben. Sie wurden zu Haftstrafen zwischen vier und zehn Jahren verurteilt. Drei Angeklagte wurden zum Tode verurteilt. [Bertram: April 1945 ... S. 20.]
Das Plädoyer eines Verteidigers zeigt die damalige deutsche Mentalität, die sicher auch zu der mangelnden Beweislage führte. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.] Die "Deutsche Volkszeitung" fasste es wie folgt zusammen:
"Er [der Verteidiger] führte aus, daß es schwierig für einen Angehörigen eines Landes sei, in dem die Freiheit der Persönlichkeit herrsche, sich ein richtiges Bild von jenen Tagen zu machen und betonte, daß höher als das geschriebene Recht für diese Angeklagten das ewige Recht gelte. Die Verwirrung des Rechtsgefühls zu dieser Zeit schilderte er an verschiedenen Beispielen. In Deutschland habe es ein Gesetz gegeben, daß Plündern mit dem Tode bestrafe. Er hob die ungeheure Bedeutung des Befehls hervor und wies daraufhin, daß es in der damaligen Zeit nicht möglich gewesen wäre, einem Befehl mit Erfolg zu verweigern, denn auf Wehrkraftzersetzung hätte die Todesstrafe gestanden." [nach Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.]

Dem gegenüber steht z.B. der o.g. Fall des Soldaten, der verhinderte, dass er zu einem "Greifkommando" eingeteilt wurde.
Im August fand vor dem höchsten britischen Militärgericht in Herford eine Revisionsverhandlung statt, und eines der Todesurteile wurde aufgehoben, weil der Beschuldigte behauptete, er hätte über die Köpfe der Häftlinge hinweggeschossen, und das Gericht diese Aussage nicht durch Zeugenaussagen widerlegt sah. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.] Die beiden anderen Todesurteile wurden vom britischen Militärgouverneur wenig später auf dem Gnadenweg in Gefängnisstrafen von 15 bzw. 20 Jahren umgewandelt. Alle schuldig Gesprochenen wurden vorzeitig wegen guter Führung entlassen, die letzten im Oktober 1952. [Bertram: April 1945 ... S. 20.]
Weder der Befehlshaber der Wehrmacht in Celle noch der Oberbürgermeister mussten sich je vor Gericht verantworten. Die Morde auf dem Weg nach Bergen-Belsen und die Vernachlässigung der Gefangenen in der Heidekaserne waren nicht Thema dieses oder eines anderen Prozesses. [Neumann: Shifting Memories ... S. 55.] Vielmehr konnte Generalmajor Paul Tzschöckell 1950 in der Hannoverschen Presse völlig unbefangen u.a. über seine Rolle als Befehlshaber in der "KZ-Angelegenheit" (Tzschöckell) schreiben, und nach Oberbürgermeister Meyer wurde eine Straße benannt. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 3-4.]
An einem der ursprünglich zum Tode Verurteilten leistete die Celler Öffentlichkeit bemerkenswerte Resozialisierungsarbeit. Als ehemalige lokale Boxgröße erfreute er sich lebenslang größter Anerkennung der Sportredaktion der Lokalpresse, und seine Verurteilung stand schließlich auch der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes nicht im Wege. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 4.]

5. Erinnerung, Gedächtnis und Aufarbeitung

5.1. 1945-1948
Im Juni 1946 wurde die Celler Heimatschriftstellerin und langjährige Mitarbeiterin der Celleschen Zeitung Hanna Fueß von der Celler Kreisbauernschaft beauftragt, eine Chronik des Landkreises Celle für die Zeit des Krieges und der Jahre unmittelbar nach dem Krieg zu erstellen. [Unruhige Zeiten. Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945-1949. Hg. v. Rainer Schulze. München 1990.]
Sie zeichnete etwa 350 Augenzeugenberichte auf, die meisten zwischen 1947 und 1948. Der größte Teil der Interviewten waren alteingesessene Bewohner des Landkreises Celle, Displaced Persons wurden z.B. nicht befragt. [Neumann: Shifting Memories ... S. 43.]
Stadt und Landkreis Celle haben im wesentlichen nicht nur unter dem Krieg, bzw. direkten Einwirkungen wie Kampfhandlungen, kaum gelitten, sondern vom Krieg, durch den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung, profitiert. [Neumann: Shifting Memories ... S. 52.]
So zieht sich dann auch durch die von Hanna Fueß gesammelten Berichte die Aussage, dass das Schlimmste erst nach dem Krieg begann, die Menschen also erst unter dem Krieg litten, als dieser zu Ende war.
Das, worunter die Menschen nach eigenem Empfinden litten, waren die vielen "Fremden", mit denen sie sich auf einmal konfrontiert sahen. Dies waren zum einen Flüchtlinge aus dem Osten, zum anderen, und dies wird am negativsten empfunden, befreite Häftlinge aus Bergen-Belsen und ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. [Neumann: Shifting Memories ... S. 43.]
In den meisten Berichten werden Begegnungen und Erfahrungen mit ehem. Häftlingen geschildert, als gäbe es keine Vorgeschichte. Verantwortung wurde nicht übernommen, Kenntnis von der Existenz des Konzentrationslagers Bergen-Belsen wurde verneint, Mitleid für die ehem. Häftlinge gab es nicht.
Im Gegenteil, das Bemerkenswerte an den von Fueß gesammelten Berichten ist die offene und einmütige Ablehnung, die den Opfern des Nazi-Regimes entgegengebracht wird. Befreite KZ-Häftlinge werden als Bedrohung gesehen, die rauben und plündern. Die Befragten vertauschten die Rollen und sahen sich selbst als Opfer. [Neumann: Shifting Memories ... S. 46.]
Ohne Zweifel gab es Plünderungen. doch die gab es erstens überall und zweitens war die Zahl der Verbrechen durch ehem. Häftlinge auch im Landkreis Celle nicht höher als die der Verbrechen von Deutschen. [Hack: Displaced Persons ... S. 98.] Am 12. April 1945, dem Tag des Einmarsches der britischen Truppen, plünderten in Celle sogar Deutsche und Ausländer gemeinsam. [Bertram/Voss: Vom Ende des NS-Regimes ... S. 23.] Dies nahm aber niemand zur Kenntnis, bzw. niemand wollte es wahrhaben, und so sind in der kollektiven Erinnerung die "Anderen" Schuld. [Neumann: Shifting Memories ... S. 47.]
Die Bewohner des Landkreises Celler erwiesen sich aber nicht als passive "Opfer", sondern gingen, mehr oder weniger organisiert, gegen Plünderungen vor. Auch solche Aktionen finden sich in vielen Berichten, in einem taucht sogar der begriff "Hasenjagd" auf:

"wenn geplündert wurde, setzte sich das ganze Dorf zur Hilfe ein, einer vom Posaunen-Verein hatte ein Waldhorn, der mußte sofort blasen, wenn wo Not war, dann wir alle los mit Knüppeln, es war oft die reine Hasenjagd [...]" [nach Hack: Displaced Persons ... S. 97.]

Einige der von Fueß Interviewten erwähnten den Zug aus Drütte und den Bombenangriff am 8. April 1945, die "Hasenjagd" wird so gut wie nirgends erwähnt. [Neumann: Shifting Memories ... S. 48.] Ist dann doch einmal davon die Rede, dann in einer naiven bis verharmlosenden Weise, sowohl was die Ereignisse an sich, aber auch die eigene Beteiligung angeht. Mitunter in einem Atemzug werden auch Plünderungen von Überlebenden der "Hasenjagd" erwähnt:

Auf dem Bahnhof in Celle stand unglücklicherweise am Sonntag, dem 8. April, ein Zug mit KZ-Leuten, der wurde mit bombardiert. Nun liefen die KZ-Leute mit ihren Zebra-Anzügen im Neustädter Holz herum. Wir haben dann auch einige eingefangen, viele haben sich auch freiwillig gefangennehmen lassen, weil sie ja doch nicht wussten, wohin sie sollten. Wir haben sie dann durch versprengte Wehrmacht-Kommandos nach Belsen geschickt.
[...] Aus dem KZ-Zug in Celle hatten sich die Haupträdelsführer bei den Fremdarbeitern unserer Hambührener Muna eingenistet. Alle zusammen gingen nun von hier auf Raub aus. [...] Diese Horden holten sich einfach weg, was sie wollten." [Ferdinand Knoop aus Hambühren in: Schulze: Unruhige Zeiten ... S. 96-97.]

Auch in diesem Zusammenhang hatten die ehem. Häftlinge die Rolle der Opfer nur kurz inne, bevor sie von den Cellern beansprucht wurde. [Neumann: Shifting Memories ... S. 48.]
Für die von Fueß Befragten begann mit der Befreiung von KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen ein Zustand des Aufruhrs und allgemeiner Unordnung. Die zwölf Jahre der Nazi-Herrschaft finden keine Erwähnung, genauso die Gesetzlosigkeit einer Zeit, die "normale Deutsche" veranlasste, am 8. April 1945 die Jagd auf Flüchtende selbst in die Hand zu nehmen.
Klaus Neumann schreibt, Hannah Arendt folgend, dass solch eine Flucht vor der Wirklichkeit auch eine Flucht vor der Verantwortung ist. [Neumann: Shifting Memories ... S. 48.]
Die Celler erinnerten sich also bei dem Stichwort "April 1945" an eine Zeit, in der sie selbst zu Opfern wurden, erst bombardiert und dann von befreiten Häftlingen bedroht und ausgenommen. [Neumann: Shifting Memories ... S. 53.]
Doch nicht nur das, in Zusammenhang mit dem vor 1945 angeblich unsichtbaren Konzentrationslager Bergen-Belsen [Neumann: Shifting Memories ... S. 53.], fühlten die Bewohner der Stadt und des Landkreises Celle, dass sie für Verbrechen verantwortlich gemacht wurden, an denen sie nicht teilhatten, sondern die, so z.B. der langjährige Bundestagsabgeordnete Wilhelm Brese aus dem Landkreis Celle, das "Werk einiger brutaler Phantasten" waren. [Brese: Erlebnisse und Erkenntnisse ... S. 68.]
Die Celler bzw. ihre Repräsentanten waren sehr um ihren Ruf besorgt, und so sollte der "Makel" am Bild der Stadt durch freiwillige Spenden für befreite Häftlinge beseitigt, wenigstens aber gemindert werden. [Neumann: Shifting Memories ... S. 53.] Diese Sammlungen wurden von der britischen Militärregierung angeordnet und von Deutschen organisiert. [Hack: Displaced Persons ... S.100.] Mit folgenden Worten wurde z.B. zu Spenden aufgerufen:

"Ihr habt gehört von dem Unglück und der Schande, die uns durch die Entdeckung eines Konzentrationslagers in unserer Heide betroffen hat. An dem Unglück sind wir schuldlos. An der Schande tragen wir alle. [...] Es ist für uns Celler eine selbstverständliche Christen- und Ehrenpflicht alles zu tun, um an den Unglücklichen gutzumachen, was immer wir können. [...]" [nach Hack: Displaced Persons ... S. 100.]

Diese "Makel" wurden durch den zweiten Belsen-Prozess 1946 noch deutlicher, und so unterstützten Celler Politker im August 1946 die Pläne ehem. polit. Gefangener, ein Mahnmal für die Häftlinge zu errichten, die durch den Bombenagriff und die "Hasenjagd" den Tot fanden. Dieses Mahnmal sollte auf dem Waldfriedhof errichtet werden, wohin die Opfer des Bombenangriffs vom Bahnhof umgebettet werden sollten, die dort kurzerhand in Bombentrichtern "begraben" worden waren (s.o.). [Neumann: Shifting Memories ... S. 53.]
Mit einem Plakat, dessen Text auch in der Presse veröffentlicht wurde, riefen Oberstadtdirektor, Oberkreisdirektor und ein Komitee ehem. polit. Gefangener die Bevölkerung auf, Plätze zu nennen, an denen Opfer des Bombenagriffes und der "Hasenjagd" begraben liegen und bei der Identifizierung zu helfen. [Reproduktion des Plakates in Hack: Displaced Persons ... S. 111.]
Ein Jahr nach den Ereignissen konnten die Morde an sich noch erwähnt werden, die Täter wurden aber nicht genannt, dies schien die Aufklärung eines Verbrechens nicht zu erfordern. Ebenso werden Zahlen genannt, als basieren sie auf Hörensagen. Der Text des Aufrufes legt nahe, dass Lokalisierung und Identifizierung der Opfer in erster Linie betrieben wurden, weil die Stadtoberen Anfragen von Angehörigen erhielten und nicht aus Verantwortungs- oder Schuldbewusstsein. [Neumann: Shifting Memories ... S. 53-54.]
Bis März 1947 sind mehr als 300 Leichen exhumiert und auf dem Waldfriedhof beigesetzt worden, auf jedes Grab wurde ein Gedenkstein gesetzt. [Hack: Displaced Persons ... S. 111; nach Hack hatten die britischen Militärbehörden vorgeschlagen, für die Umbettung ehem. Nationalsozialisten einzusetzen, und der Oberstadtdirektor hatte für alle Beteiligten eine Sonderzuteilung von je einer Flasche Spirituosen beantragt (S. 121); nach Neumann ist diese Arbeit von Insassen des Celler Gefängnisses ausgeführt worden (S. 54).] Die Stadtverwaltung übernahm hierfür zwar die Kosten, erwartete aber Erstattung, weil diese Arbeit eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft sei. Für den damaligen Oberstadtdirektor wurde die "Hasenjagd" langsam zu einem Tabu. [Neumann: Shifting Memories ... S. 54.]
Im Herbst 1947 beschloss der Stadtrat die Errichtung des Mahnmals. Der Ausschuss ehem. polit. Häftlinge veranstaltete zur Finanzierung eine öffentliche Sammlung. Stadt und Landkreis versprachen zusammen 25.000 Reichsmark für das Mahnmal. Im Dezember 1947 wurde die Ausführung des Denkmals in Auftrag gegeben.78 Die Stadt bezeichnete ihren Anteil von 10.000 Reichsmark ausdrücklich als Schenkung, was deutlich machen sollte, dass der Stadtrat sich nicht länger für das Projekt verantwortlich fühlte. [Hack: Displaced Persons ... S. 111.]
Die Ereignisse des April 1945 wurden zwischen Dezember 1947 und Mai 1948 während des "Celle Massacre Trial" erneut in Erinnerung gerufen, doch bereits Ende April war die "Hasenjagd" aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden. Sie wurde ein Teil der Geschichte, allerdings einer Geschichte, die vor der Öffentlichkeit versteckt wurde. [Neumann: Shifting Memories ... S. 54-55.]
Displaced Persons wurden weiterhin als "Plage" betrachtet.
Das Mahnmal auf dem Waldfriedhof ist nie fertiggestellt worden, weil das Geld fehlte. Finanzielle Forderungen des Architekten an den Stadtrat sind die letzten Spuren des Projektes. [Neumann: Shifting Memories ... S. 57.]
Auf dem Waldfriedhof stehen drei Holzkreuze und eine Steinplatte, auf der bis in die 80er Jahre zu lesen war: "Ruhestätte für die Opfer des 2. Weltkrieges". [Neumann: Shifting Memories ... S. 55.]

5.2. Seit 1948
Den Ereignissen in Celle zu Kriegsende folgten Jahre des Schweigens. Die wenigen Male, wo die "Hasenjagd" angesprochen wurde, wie z. B. in einem Artikel der Celleschen Zeitung anlässlich des 20. Jahrestages des Bombenangriffs und der Befreiung, las sich dies so:

Ein Zug mit KZlern, die zum Transport nach Belsen bestimmt waren, wurde in Mitleidenschaft gezogen, die Insassen retteten sich durch Flucht ins Neustädter Holz. Eine Kompanie des Volkssturms wurde beauftragt, sie zu erschießen, aber der vernünftig denkende Führer kehrte sich nicht an den Befehl, sondern ließ seine Männer einfach abrücken. So rettete er den KZlern das Leben und Bewahrte sich selbst vor einer schweren Bestrafung, die zweifellos gefolgt wäre." [nach Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 5.]

Dieser Artikel kann als ein Zeichen eines "gewollte[n] Prozess[es] der Verdrängung und Verleugnung" [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 5.] gedeutet werden, denn die Stadt schloss sich zwischen den späten 40er und frühen 80er Jahren selbst von öffentlichen Debatten zum Thema aus. [Neumann: Shifting Memories ... S. 56.] Initiativen von VVN/BdA und DKP konnten daran nichts ändern. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 5.]
In stadtgeschichtlichen Veröffentlichungen wird zwar der Luftangriff erwähnt, nicht aber die "Hasenjagd".
Celle hatte den Ruf einer Hochburg der "Ewiggestrigen", nicht zuletzt weil die Stadt ein beliebter Tagungsort für rechte und extrem rechte Organisationen war, so z.B. das Stahlhelm-Treffen 1983. [Neumann: Shifting Memories ... S. 57-58.]
Erst in den 80er Jahren rückte das Thema wieder allmählich in das Bewusstsein.
Mit dem Volkstrauertag 1980 begann langsam eine öffentliche Debatte über das Gedächtnis und die Erinnerung an Krieg und Nachkriegszeit. Wurde in vielen anderen Städten der Volkstrauertag auf Friedhöfen begangen, fanden in Celle die Feierlichkeiten am Kriegerdenkmal vor dem Celler Schloss statt. Klaus Neumann vermutet, dass es wohl zu schwierig war, auf einem Friedhof, auf dem so viele nicht deutsche Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge begraben liegen, ausschließlich der deutschen Toten zu Gedenken. An diesem Volkstrauertag hielt der protestantische Pfarrer Helmut Geiger eine Rede, in der er das besondere Ritual in Celle in Frage stellte und dazu aufforderte, auch derer zu gedenken, die wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugung oder ihrer "Rasse" getötet wurden. Da bereits 1976 der langjährige und erzkonservative Chefredakteur die Cellesche Zeitung verlassen hatte, wurden jetzt auch kritische Leserbriefe veröffentlicht, u.a. von zwei Pfarrern, die ihren o.g. Kollegen unterstützten. Die "Hasenjagd" wurde allerdings noch nicht erwähnt. Sie wurde erst 1982 in dem Buch "Hinter den Fassaden" [Holtford, Werner u.a.: Hinter den Fassaden. Geschichten aus einer deutschen Stadt. Göttingen 1982.] zum Thema. [Neumann. Shifting Memories ... S. 58.] Hier wurde die "Hasenjagd" aber nur kurz gestreift, ausführlicher wurde sie zum ersten Mal 1983 von einer 9. Klasse einer Hauptschule in einer Projektarbeit unter dem Thema "Celle vor fünfzig Jahren" durch ein Interview mit einem Zeitzeugen der "Menschenjagd im Neustädter Holz" [Klasse 9a der GHS Groß-Hehlen: Augenzeugenbericht. Menschenjagd im Neustädter Holz. In: Antifaschistischer Stadtplan. Hg. v. RWLE Möller u. Reinhard Rohde. Celle 1988.] behandelt. Es folgten einige Artikel in alternativen Stadtzeitungen. Zum 40. Jahrestag 1985 erschien dann auch endlich ein gut recherchierter Artikel in der Celleschen Zeitung. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 5.]
In dieser Zeit fanden auch wiederholt Gedenkfeiern, allerdings keine offiziellen, für die Opfer der "Hasenjagd" auf dem Waldfriedhof statt. [Neumann: Shifting Memories ... S. 60.]
1989 wurden auf Antrag der SPD weitere Hinweisschilder auf dem Waldfriedhof aufgestellt. Einen Vorschlag der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Celle von 1988, eine Gedenktafel im Bereich des Celler Bahnhofs anzubringen, lehnte die Deutsche Bundesbahn mit der Begründung ab, dass das Denkwürdige nicht die Bombardierung des Bahnhofs, sondern die Verfolgung und Ermordung der Häftlinge sei, und dieses Geschehen in keinem örtlichen Bezug zu den Bahnhofsanlagen stehe. [Puvogel/Stankowski: Gedenkstätten ... S. 395.]
In den 80er Jahren machten sich auch verschiedene links-alternative Gruppierungen dafür stark, ein Mahnmal für die Ermordeten zu errichten, und dass die Stadt sich so endlich zu dem "braunen Fleck auf ihrer vorgeblich weißen Weste" bekennen soll. [Klein: Celle vor 50 Jahren ... S. 5.]
1992 stand die 700jahr Feier Celles ins Haus. Das Motto lautete "700 Jahre junges Celle", um aber jung zu wirken, musste die Stadt ihr Image als Stadt der "Ewiggestrigen" ablegen, sprich, sie musste sich zu ihrer Vergangenheit bekennen und das "dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stadt Celle" [Bertram: April 1945 ... S. 19.] eingestehen, und so wurde Mijndert Bertram beauftragt, die Ereignisse des 8. April 1945 zu recherchieren und in einer Veröffentlichung darzustellen. Außerdem verlangte die Ehrung der Toten nach einem Mahnmal, das in den Triftanlagen, zwischen Bahnhof und Innenstadt, aufgestellt werden sollte. Auf Vorschlag der Grünen wurde ein offener Wettbewerb ausgeschrieben. [Neumann: Shifting Memories ... S. 60.] Die Inschrift, auf zwei Tafeln, des neuen Mahnmals war vorgegeben:
"Den KZ-Häftlingen aus ganz Europa,
die vom 8. bis zum 12. April 1945 in
Celle Opfer nationalsozialistischer
Unmenschlichkeit wurden."

"Am 8. April 1945 - vier Tage vor der Besetzung
durch alliierte Truppen war Celle das Ziel eines
großangelegten Luftangriffs. Dabei wurde auf einem
Rangiergleis des Güterbahnhofs ein Zug getroffen,
der ungefähr 4000 Männer, Frauen und Jugendliche
aus mehreren Außenlagern des KZ Neuengamme nach
Bergen-Belsen bringen sollte. Als diejenigen Häft-
linge, die den Bomben entgangen waren, sich in
Sicherheit zu bringen suchten, machten Angehörige
der NSDAP und ihrer Formationen, Wehrmacht, Polizei
sowie des Volkssturms im Stadtgebiet und im nahege-
legenen Neustädter Holz Jagd auf sie und richteten
ein Blutbad unter ihnen an. Etwa 500 der Überlebenden
wurden von der SS schließlich zu Fuß nach Bergen-
Belsen getrieben."

Diese Inschrift war im Stadtrat umstritten und wurde auch von vielen teilnehmenden Künstlern kritisiert, weil sie die Beteiligung von Zivilisten verschwieg.
Am 7. April 1992 wurde das Denkmal offiziell eingeweiht. U.a. hielt ein polnischer Überlebender eine Rede, der jedoch von der Veranstaltung mehr durch Zufall erfahren hatte. Ein Vorschlag von VVN/BdA, weitere Überlebende einzuladen, wurde vom Oberbürgermeister abgelehnt. Nur 1995 fand eine weitere offizielle Gedenkfeier an dem neuen Mahnmal statt.
Das Mahnmal ist umstritten, weil es in den Parkanlagen kaum auffällt, und seine Aussage so nicht erkannt werden kann. Viel auffälliger und in der Aussage eindeutiger ist ein ebenfalls in den Triftanlagen stehendes Denkmal für die Toten der Weltkriege. Das neue Mahnmal wirkt, als solle es den Vorrang des älteren Denkmals respektieren. [Neumann: Shifting Memories ... S. 61.]

6. Schluss

"Hasenjagden" haben auch andernorts stattgefunden, allerdings gab es bestimmte Umstände, die die Ereignisse in Celle außergewöhnlich machten.
Die Anzahl und Offensichtlichkeit der Morde scheint im Vergleich einzigartig. Die Anzahl der beteiligten Zivilisten war höher als bei vergleichbaren Ereignissen, obwohl sie nicht, wie z.B. in Lüneburg, dazu aufgerufen worden waren, sich an der Jagd zu beteiligen. Celler Zivilisten schlossen sich freiwillig an, sie gingen mit der Mentalität von Jägern ans Werk und übernahmen aus freien Stücken die Rolle der Henker. Das Handeln war also nicht alleine auf eine Befehlslage zurückzuführen. Mijndert Bertram hat die Rahmendbedingungen dargestellt, unter denen es zu diesem Verhalten kam.
Es ist aber auch gezeigt worden, dass es durchaus Handlungsalternativen gab. Da dennoch eindeutig die "Akte der Barbarei" überwogen, gilt die Celler "Hasenjagd" zurecht als das "dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stadt" und kann als "exemplarisch für die Verrohung und Gewalttätigkeit betrachtet werden, die vom Nationalsozialismus ausging." [Bertram: April 1945 ... S. 19.]
Bis dies aber die offizielle Lesart in Celle wurde, hat es lange gedauert. Unmittelbar nach dem Krieg war die "Hasenjagd" noch ein Thema, allerdings mehr auf Initiative bzw. Druck ehem. Gefangener, Angehöriger der Opfer und der britischen Militärbehörden, und nicht aus eigenem Antrieb. Mit dem Ende des "Celle Massacre Trial", dem Wegzug der Displaced Persons und dem geringer werdenden Einfluss der Alliierten verschwand sie aber für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit.
Das in den 80er Jahren die "Hasenjagd" wieder ins Gespräch kam ist, wie die gesamte Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit Celles, zunächst den Bestrebungen oppositioneller Kräfte zu verdanken. Die offiziellen Stellen wurden dann aber doch tätig, um ihren Beitrag zu leisten, was schließlich zu den Veröffentlichungen Bertrams und zur Errichtung des Mahnmals führte. Allerdings schien auch jetzt die Triebfeder nicht unbedingt nur Verantwortungsbewusstsein der Geschichte, und vor allem der Wahrheit gegenüber gewesen zu sein, sondern eine Verbesserung des Images der Stadt Celle.

7. Literaturverzeichnis

Altmann, Werner: Ohne das Lachen zu verlernen. Ein Berliner Überlebenstagebuch. Berlin 1977.
Bertram, Mijndert: April 1945. Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ-Häftlinge aus Drütte. Celle 1989. (= Schriftenreihe des Stadtarchivs Celle und des Bomann-Museums, Heft 18)
Bertram, Mijndert: Celle - Eine deutsche Stadt vom Kaiserreich zur Bundesrepublik. 1. Band das Zeitalter der Weltkriege. Celle 1992.
Bertram, Mijndert: Bombenhagel und "Hasenjagd" - Die Häftlingstransporte von Holzen nach Bergen-Belsen. In: Zwangsarbeit für die "Wunderwaffen" in Südniedersachsen 1943-1945. Bd.1. Hg. v. Detlef Creydt und August Meyer. Braunschweig 1993. S. 226-230.
Bertram, Mijndert u. Rainer Voss: Vom Ende des NS-Regimes bis zu den ersten demokratischen Wahlen nach dem Krieg. Ein Abriß der Ereignisse. In: Celle '45. Aspekte einer Zeitenwende. Begleitpublikation zur Ausstellung im Bomann-Museum Celle vom 13. April bis 24. September 1995. Hg. v. Bomann-Museum Celle. Celle 1995. S. 9-40.
Brese, Wilhelm: Erlebnisse und Erkenntnisse des langjährigen Bundestagsabgeordneten Wilhelm Brese von der Kaiserzeit bis heute. Marwede 1976.
Hack, Angelica: Displaced Persons in Stadt und Landkreis Celle. In: Celle '45. Aspekte einer Zeitenwende. Begleitpublikation zur Ausstellung im Bomann-Museum Celle vom 13. April bis 24. September 1995. Hg. v. Bomann-Museum Celle. Celle 1995. S. 89-125.
Holtford, Werner u.a.: Hinter den Fassaden. Geschichten aus einer deutschen Stadt. Göttingen 1982.
Klasse 9a der GHS Groß-Hehlen: Augenzeugenbericht. Menschenjagd im Neustädter Holz. In: Antifaschistischer Stadtplan. Hg. v. RWLE Möller u. Reinhard Rohde. Celle 1988
Klein, Harry: Celle vor 50 Jahren. Die Treibjagd auf KZ-Häftlinge. In: Publiz. Politik und Kultur aus Celle. Nr. 10, Febr./März 1985. S. 3-5.
Neumann, Klaus: Shifting Memories. The Nazi Past in the New Germany. Michigan 2000.
Puvogel, Ulrike u. Martin Stankowski: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Bd.1. 2., überarb. u. erw. A. Bonn 1995.
Schulze, Rainer (Hg.): Unruhige Zeiten. Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945-1949. München 1990. (=Biographische Quellen zur deutschen Geschichte nach 1945, Bd. 8)
Suchowiak, Bogdan: Die Tragödie der Häftlinge von Neuengamme. Reinbek bei Hamburg 1985.

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