Bitte fragen Sie nicht weiter

Celle, den 1. Februar 1982
Cher Msr. S...
Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, daß es mit der Beantwortung Ihres Briefes doch länger gedauert hat. Sie fragten mich nach Dr. Kurt Blanke, der einige Zeit CDU-Oberbürgermeister dieser Stadt Celle war. Offen gestanden, ich habe lange Zeit gezweifelt, ob ich Ihnen die Fragen nach der Vergangenheit des Dr. Kurt Blanke beantworten will und kann, vor allem, ob ich auf Ihre Frage eingehen soll, was Dr. Blanke, der noch heute Rechtsanwalt und Notar und Rotarier ist - was dieser Dr. Blanke während des Nationalsozialismus getan habe.
Ich war geneigt, nichts von jenen Zeiten zu schreiben, denn, wissen Sie: sind wir nicht doch nur einige wenige, die unaufhörlich gleichsam wühlen in den Greueln der Jahre 1933-45, die wir bohren in der Vergangenheit; sind wir nicht umgeben von lauter angesehenen Leuten, die stets heftiger auf ihrem Recht pochen, endlich in Ruhe gelassen zu werden?
In meine Beklommenheit, von der Hitlerzeit und vom Dr. Blanke in dieser Zeit zu sprechen, mischt sich Langmut, die Überzeugung von der Ausweglosigkeit unseres Stocherns in der Vergangenheit. Kein Unrecht, das damals begangen wurde, wird ausgemerzt, keiner der Toten wieder lebendig.

Cher Msr. S...
So hatte ich Ihnen denn berichten wollen von dem Dr. Kurt Blanke, der 1953 den Rotary-Club in Celle mitbegründet hat.
Rotary-Club Celle
Gegründet: 11.6.1953 vom R.C. Hannover
»Blanke, Dr. jur Kurt, engl. ital. fran., Wensestraße 9, Tel.: ..., Sozius der Rechtsanwälte ..., Dr. Blanke jun., ..."
Ich hätte Ihnen nicht verschwiegen, daß Schatten über der lichten Karriere des angesehenen Juristen Dr. Kurt Blanke liegen. Daß Vorwürfe erhoben werden gegen ihn, er habe, um des wirtschaftlichen Vorteils willen, die Glaubwürdigkeit bei der Vertretung von Rechtspositionen hintenangestellt. Ich habe Ihnen berichten wollen, daß Dr. Blanke 1970 Vorsitzender und Rechtsberater des Vereins der Aktionäre der Ilseder Hütte war. Als die Ilseder Hütte von den Peine-Salzgitter-Stahlwerken übernommen wurde, kam es zu einem Rechtsstreit, in dessen Verlauf die erste Instanz die Barabfindung von angebotenen 265 Prozent auf 450 Prozent des Nennwertes der Aktien heraufsetzte. Im Berufungsverfahren wurde die Peine-Salzgitter im Streit gegen die Aktionäre - deren Vorsitzender Dr. Kurt Blanke gewesen war - vom Anwaltsbüro Blanke vertreten. Der Anwurf des Parteienverrats ging um, ein Verfahren wurde eingeleitet und von der Celler Staatsanwaltschaft wegen Befangenheit nach Oldenburg abgegeben. Dort verlieren sich die Spuren der Angelegenheit.


Cher Msr S. . .
Ich hatte Ihnen schreiben wollen von der angesehenen Politiker-Familie der Blankes. Von Kurt Blankes Sohn Edzard, der während des namentlichen Aktien-Prozesses schon in Vaters Kanzlei arbeitete, und der späterhin gar einmal im Gespräch für das Amt des Justizministers bei der CDU-Landesregierung war
Rotary-Club Celle-Schloß
Gegründet: 15.l.1974 vom R.C. Celle
»Blanke, Dr. jur Edzard engl. franz. ital., Wensestraße 14, Tel.: ..., Anwaltspraxis Dr. Blanke u.a.
Cher Msr. S...
Gern wollte ich Ihnen auf Ihre Frage nach der Deutschen Partei (DP) antworten, der Dr. Kurt Blanke angehörte. Dr. Kurt Blanke glaubte lange an die Sache dieser Partei. Noch zwei Jahre nachdem ihre Bundestagsfraktion zerfallen, ein Bündnis mit dem »Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten« gescheitert war und 16 von 18 niedersächsischen DP-Landtagsabgeordneten zur CDU übergetreten waren, erstand in Niedersachsen ein »Aktionsausschuß« des DP-Landesverbandes. Damals, 1962, versammelten sich 300 Heidjer, mit Niedersachsenroß und Welfenkrone am Schlips, im hannoverschen Städtchen Rotenburg, um einen Vorsitzenden zu wählen. Sie wählten einen Mann des niedersächsischen Adels und sollen hinterher gerufen [139] haben: »Holt fast - man to!« und »man drup«. »Landespartei sind wir jetzt und wollen es für immer bleiben.«, sagte der Vorsitzende des Aktionsausschusses seinerzeit, eben Dr. Kurt Blanke. Erst vergleichsweise spät ist Dr. Blanke zur CDU gewechselt, die ihm den Übertritt mit dem Oberbürgermeisteramt in Celle lohnte - wie es sich für den Umgang mit einem angesehenen Mann geziemt.


Cher Msr. S...
Ich brauche Ihnen nichts über diese »Deutsche Partei«, die DP, zu verschweigen. Sie können bei Ihrem Landsmann, Alfred Grosser, nachlesen: »Die DP war im Juni 1945 als Niedersächsische Landespartei gegründet worden. Von Hannover aus hatte sie die Nachfolge des Welfenpartikularismus beansprucht, der sich in der Vergangenheit auf die Aristokratie, die Pastoren und die hannoverschen Bauern gestützt hatte. (...) Die DP hatte erklärtermaßen eine konservative Rechtspartei sein wollen. Von ihrer Gründung an hatte sie eine ausgesprochene Vorliebe für die schwarz-weiß-rote Flagge. Auch hatte sie schon bald öffentliche Kundgebungen mit Vorbeimärschen und Militärmusik organisiert.« (S. 242)
Aber, cher Msr. S..., ich wollte Sie bitten, mir die Frage zu ersparen, wie ernst diese DP den Bruch mit dem Nationalsozialismus genommen hat. Ich hielt es für angebracht, mit dem Blick in die Vergangenheit bei der DP innezuhalten, nicht noch weiter zurückzuschauen.
Bitte fragen Sie mich nicht weiter, habe ich Sie in Gedanken ein ums andere Mal gebeten.
Vielleicht war es ein Ausspruch des ehemaligen DP Vorsitzenden Seebohm, an den ich mich erinnerte, und der es mir letztlich leichter machte, Ihrem Drängen nach Auskünften über die Zeit des NS-Regimes nun doch nachzugeben. Jener Hans-Christoph Seebohm, unter Adenauer immerhin Bundesminister, hatte nämlich 1951 auf dem Parteitag der DP gesagt: »Wir neigen uns in Ehrfurcht vor jedem Symbol unseres Volkes« - ich sage ausdrücklich vor jedem - »unter dem deutsche Menschen ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben.«

Cher Msr S...
Ich glaube wohl, beim erneuten Lesen dieses Zitates einer Verpflichtung gewahr geworden zu sein, einer Verpflichtung gegenüber Geschichte und Gegenwart. Wenn auch diese Verpflichtung keinen meiner Zweifel ausräumt, so will ich nun doch von der Zeit des Nationalsozialismus sprechen, von zumindest einigen Dingen, die Dr. Kurt Blanke in jener Zeit angingen.
Ja, OKVR (Oberkriegsverwaltungsrat) Dr. Blanke war damals in Paris, von 1941-44. Genauer gesagt, er war im Hotel »Majestic«, dort, wo der Sicherheitsdienst, Dienststelle Paris, arbeitete. 125 000 »Nichtarier« haben unter der Besetzung des Hotel »Majestic« gelitten.

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[eingefügtes Dokument:]

IV J SA 221 b
Paris, den 5.5.1942
Dan/Bir

Betr: Kennzeichnung der Juden.

1.) Vermerk: Am 5. 5. 1942 wurde die Frage der Kennzeichnung der Juden durch folgende Dienststellenvertreter besprochen:
a) Militärbefehlshaber: Ministrialrat Gelbhar
OKVR Dr Blancke
KVA Dr. Bruns
KVA Dr Nährich
b) Deutsche Botschaft:
Leg. RAt Dr Zeitschel
c) Hiesige Dienststelle:
SS-Hauptsturmführer Dannecker.

Es wurde vereinbart, daß nachstehende Fragen SS-Obergruppenführer Heydrich vorgetragen werden, damit eine baldige Entscheidung zusammen mit dem Militärbefehlshaber erzielt wird:

a) Mischehen.
Dazu wird bemerkt, daß der Militärbefehlshaber vor einiger Zeit erklärte, er wünsche keine weitergehende Behandlung als im Reich, was also die Nichtkennzeichnung in Mischehen lebender Juden, aus denen Kinder hervorgegangen sind, bedeutet.
b) Ausnahmebehandlung fremdstaatiger Juden.

2.) Zur Besprechung mit SS-Obergruppenführer Heydrich.

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Es ist wahr, Dr. Kurt Blanke war nicht irgendeiner in diesem Hotel. Seiner Zuständigkeit unterlagen »Judenfragen«. [141]

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[eingefügtes Dokument:]

Dr. Carltheo Zeitschel
Deutsche Botschaft Paris
Paris, den 21. April 1941.

Bei der Militärverwaltung Abteilung Wirtschaft, Kriegsverwaltungschef Dr. Hichel, ist
Dr. BLANCKE
für Judenfragen zuständig und bittet in der Zukunft bei Besprechungen über dieses Thema zugezogen zu werden.
Heil Hitler!
Legationsrat.

an den Sicherheitsdienst Dienststelle Paris
z.Hdn. von Herrn Obersturmführer Danecker

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Cher Msr. S...
Ich weiß nicht, wieviele Menschen heute noch wissen, was »Arisierung« jüdischen-französischen Vermögens bedeutet hat. Mehr noch bin ich im Zweifel darüber, ob es heute noch von Bedeutung ist, daß diese »Arisierung« nach Auffassung des Sachbearbeiters für »Judenfragen« - des Dr. Kurt Blanke also - zu 1/5 des Preises vollzogen werden konnte.
Und, Msr. S..., liegt es nicht bei uns, selbstkritisch zu fragen, ob jenes Schreiben des »OFFICE OF CHIEF OF COUNSEL FOR WAR CRIMES, APO 696 - US Army« erneut ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden sollte? Diesem Dokument zufolge basierte - so zitiert aus einem Brief an den Reichsleiter Rosenberg - »diese gesamte Judengesetzgebung (in Frankreich) auf Ordonnanzen des Militärbefehlshabers, dessen Sachbearbeiter ein Militärverwaltungsrat Dr. Blanke ist.«
Cher Msr S. . .
Noch immer bin ich mir so sicher nicht, ob es nicht doch besser gewesen wäre, Ihnen auf Ihre Frage nach Dr. Kurt Blanke lediglich mit einer Anekdote zu antworten - vom wahrhaft köstlichen Welfen-Streit [142]

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[eingefügtes Dokument:]

DER MILITÄRBEFEHLSHABER IN FRANKREICH
Verwaltungsstab, Abt. Wi I Az 6358/41
Paris, den 15. März 1941

Betrifft: Angelegenheit Cote-d'Or
- Ihr Schreiben vom 7. März 1941 Nr. 3449

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, daß bei Veräußerungen jüdischer Unternehmen durch den Kommissarischen Verwalter nicht ohne weiteres an den Höchstbietenden zu verkaufen ist. Sowohl der Kommissar wie die für die Genehmigung zuständige Feldkommandantur werden vielmehr den auszuwählen haben, welcher hinsichtlich der Arisierung die beste Gewähr bietet, wobei auch besondere Rücksicht auf Familie oder andere Umstände genommen werden kann. Voraussetzung ist nur daß ein angemessener Preis zu zahlen ist. Dabei ist aber zu berücksichtigen daß der fonds de commerce heute schwer zu schätzen ist und teilweise viel zu hoch geschätzt wird. Es wird nicht immer genügend in Betracht gezogen daß bei dem verringerten Umsatz der Wert des Kundenkreises sehr oft stark vermindert sein kann Wenn im Gegensatz zu einer anderen Schätzung die Feldkommandantur einmal nur 1/5 des geschätzten Preises annimmt, kann das noch im Rahmen eines angemessenen Preises liegen. Die Feldkommandantur in Dijon hat gelegentlich ihre Pläne zur Durchführung der Arisierung mit mir besprochen. Ich habe dabei nichts von einer geplanten Verlosung unter den Bewerbern gehört.

Der Militärbefehlshaber
Im Auftrag
Dr Blanke

Traduction: Sujet: Affaire de la Cote d'Or
- Votre lettre du 7 Mars 1941 Nr 3449.

En principe, je suis d'avis que lors de la vente d'entreprises juives par les soins de l'Administrateur Provisoire il ne faut pas vendre de toutes facons au plus offrant. Aussi bien l'Administrateur Provisoire que la Feldkommandantur compétente auront à choisir celui qui offre le maximum de garanties au sujet de l' aryanisation de meme qu'ils auront à tenir compte des circonstances familiales etc.. La principale condition sera l'offre d'un prix convenable. Il faudra à cet egard tenir compte du fait qu-á l'époque actuelle il est diffcile d'évaleur un fonds de commerce. On ne considére pas toujours assez que vu le rendement du chiffre d'affaires la valeur de la clientéle peut-etre réduite de beaucoup. Si, contrairement à d'autres évaluations, La Feldkommandantur pour un certain cas le prix ä 1/5 de la valeur d'estimation ceci ne peut se faire que dans le cadre d'un prix approprié. La Feldkommandantur á Dijon a eu l'occasion de m'exposer ses projets en vue de l' aryanisation. Il n'a pas été question de tirage au sort parmi les candidats acquéreurs. [143]

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zwischen Dr. Blanke und einem Präsidenten einer Notarkammer. Besagter Präsident parlierte in einer honorigen Rede über die Schwächen der Welfen; das Publikum war angetan, nur Dr. Blanke sen. stritt für die Ehre der Welfen: »Geisteskrankheiten«, sagte er, »können auch einfache Bürger und auch Präsidenten von Notarkammern befallen.«
Nach dieser Rede, so las ich in einem Nachrichtenmagazin, »steht im ehemaligen Königreich Hannover Welfentreue gegen Republikanisches: Hie die Sache Blankes (CDU), dessen Familie seit dem 30jährigen Krieg im Hannöverschen lebt und 'immer treu zum Herrscherhaus gestanden' hat, da die Sache Holtforts (SPD) der als Vorfahren Bauern aus dem Weserbergland reklamiert.«
Holtforts Beleidigungsklage wurde im übrigen von der Celler Staatsanwaltschaft abgewiesen.
Cher Mrs. S...,
Habe ich Ihnen und uns tatsächlich einen guten Dienst erwiesen, wenn ich von der Vergangenheit des Dr. Kurt Blanke schrieb? Welches Recht haben Sie und ich, dem Dr Kurt Blanke sein Nachkriegs-Gesicht herunterzureißen? Stünde es nicht Ihnen und mir an, diesen Dr. Blanke ausschließlich als den Welfen zu sehen, der mit Sohn Edzard am 30. 8. 1981 auf Schloß Marienburg zugegen war, als Scinu Königliche Hoheit, Erbprinz Ernst-August junior von Hannover, Hochzeitsfeierlichkeiten beging? Im Schloßhof konnte man, dank einer Lautsprecherübertragung, die Gesänge aus dem Schloß hörem. »Geh aus mein Herz und suche Freud«. [144]

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WERNER DAITZ
Timmendorferstrand, 5.5.1944
D./R.L.

Herren
Reichsminister und Reichsleiter
Alfred Rosenberg
Berlin W35
Margaretenstr. 17

Sehr geehrter Reichsleiter!
Bei meinem letzten Aufenthalt in Paris überreichte mir Pg. Ebert 5 Hefte über die französische Judengesetzgebung. Diese 5 Hefte sind ihm von Herrn Pierre Gallien übergeben worden mit der Bitte, diese Judengesetzgebung dem Reichsleiter zur Kenntnis zu bringen und sie eventuell durch einen seiner Sachbearbeiter überprüfen zu lassen.
Diese gesamte Judengesetzgebung basiert auf Ordonnanzen des Militärbefehlshabers in Frankreich, dessen Sachbearbeiter ein Militärwaltungsrat Dr. Blanke ist. Über Pierre Gallien ist zu sagen, daß er Mitherausgeber und Hauptgeldgeber der Zeitschrift >LaFrance encainée< ist die vor dem Kriege im antijüdischen Kampf führend war. Gallien hat auch während des Krieges die Plakate mit unterzeichnet, die in Paris angeschlagen waren und den heutigen Krieg als einen von den Juden angezettelten sinnlosen Kampf bezeichneten.
Die Druckschriften über die gesamte Judengesetzgebung sind nicht mehr im Handel zu haben; dessen ungeachtet ist die gesamte Gesetzgebung noch rechtswirksam.
Heil Hitler!
Ihr
Werner Daitz [145

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