Augenzeugenbericht zum Bombenangriff auf den Celler Güterbahnhof

Augenzeugenbericht zum Bombenangriff auf den Celler Güterbahnhof
[aus: Celle vor fünfzig Jahren. Klasse 9a, GHS Groß-Hehlen, S. 28-37.]

"Die Ereignisse haben sich so abgespielt: Der 7. - 8. April war eigentlich der Kernpunkt dieser ganzen Sache. Es hat damit begonnen, daß am Tage vorher britische Lightning-Jäger, also Doppelrumpf-Jagdflugzeuge, die Ölfelder in Nienhagen und Wathlingen angegriffen haben, dort die Erdöltanks in Brand geschossen haben, daß man es weithin sehen konnte. Das war so im Prinzip der Auftakt. Es war an diesem Tage wie schon an den Tagen vorher: die ständigen Angriffe auf Mitteldeutschland bzw. Berlin. Die Bomberpulks flogen,, denn es war hier so eine Art Einflugschneise. Ja, und dann erfolgte aus diesem ganzen Geschehen - es wurden auch die Bahnstrecken durch Jagdbomber beschossen und Lokomotiven. Man hörte von reisenden Bekannten, daß zum Teil auch auf geraden Strecken zwischen Hannover und Celle, hauptsächlich zwischen Lehrte und Celle, in diesen Schneisen die Jagdbomber ständig im Einsatz waren. Hier wurden die Züge laufend beschossen.

Am Mittag des 7. April 1945 wurde der Bahnhof hier angegriffen. Es waren mehrere Bomber, man konnte das gar nicht so genau ausmachen durch diesen gewaltigen Lärm, der dabei herrschte, durch das Pfeifen der Bomben und das Brummen der Flugzeuge, wo sie genau waren. Es war auch so eine starke Rauchentwicklung, und es hat ja auch gebrannt. Also bombardiert wurde hauptsächlich der Bahnhof Gelle. Angefangen wurde vom Waldweg, der damaligen Waldwegüberführung, wo jetzt die Eisenbahnüberführung ist, wo sich jetzt der Realmarkt befindet, da ist ja dieses große Weichensystem. Und es passierten auch ein paar Würfe, wo jetzt das "Kleeblatt" ist von der Tangente, die über die Aller führt nach Klein Kehlen. Da befand sich der Schießstand des Militärs hier in Celle, de wo jetzt die Sportplätze sind. Das jetzige Pfadfinderheim ist z.B. der Munitionsschuppen des ehemaligen Schießstandes, genau in der Mitte da, es ist jetzt ein bißchen ausgebaut. Man kann auch hier runter noch die Sandaufschüttung - den Wall - sehen, wo die Scheibenwände waren. Da wurden schon am Vormittag Bomben geworfen. Es war ja im April. Wir waren hier im Wald auf dem väterlichen Grundstück, wo ich groß geworden bin." [28] /

"Dreizehn Jahre waren sie da, nicht?" "Ja, ich war dreizehn. Ich bin 1932 im Juli geboren und wurde dreizehn. Ja, dann wurde der Bahnhof angegriffen und sehr stark bombardiert. Wir saßen im Keller und hatten natürlich gewaltig Schiß, weil ja in den ganzen Kriegsjahren außer einem einmaligen Notabwurf - aber weit ab von hier in der Stadt - l bis 2 Bomben gefallen waren, kleinere Bomben gefallen waren. Wir hatten ja nie geglaubt, daß wir noch bombardiert wurden, weil wir immer sagten: Hier in der Stadtkirche, da liegen ja die Ahnen der englischen Könige begraben. Wir wußten es halt nicht besser und wir als Kinder schon gar nicht -Jugendliche konnte man ja schon sagen. Und es war halt dieses Bombardement des Bahnhof, und wir saßen im Keller, meine Butter, meine beiden Geschwister und ich. Meine Geschwister waren damals noch 3 bzw. 5 Jahre jünger als ich, und wir haben gewaltig Schiß gehabt, wie man so landläufig sagt.

Ja, nachdem dieses große Bombardement nun im Gang war, da sagte meine Kutter: 'Oh, Gott, nun werden hier auch noch Bomben geschmissen, laßt uns mal in den Wald laufen.' Und wir hatten noch keine Pforte hinten, wir hatten einen hohen Zaun, er ist l,70 m hoch hier dieser Zaun. Also haben wir eine Leiter darangestellt, da wo jetzt die Pforte ist, und sind über diesen Zaun gesprungen, die Frau und drei kleine Kinder. Mir als Jugendlichem hat das nichts ausgemacht. Ja, dann haben wir da im Wald gesessen. Wir glaubten immer noch, daß große Bomben fallen, aber es fielen gar keine. Es war nur eine fürchterlicher Dreck in der Luft, und zwar durch die Bombenabwürfe hier in dem sandigen Schießstand. Na, und dann sind wir wieder nach Hause gegangen.

Und wir waren drinnen, haben uns aber hauptsächlich im Kellergeschoß aufgehalten. Keine Kutter hat natürlich etwas zu essen gemacht, und wir haben uns etwas zu trinken geholt oben aus der Küche. Und wie wir in der Küche sind, da habe ich plötzlich Kinder, nein Jugendliche, bei uns hinter dem Zaun stehen sehen, und meine Mutter sagte: 'Guck mal, was ist denn das?' Da sind wir hingegangen. Die haben so gewunken. Ich konnte mich mit ihnen aber nicht verständigen, sie sprachen nur gebrochen [29] /

deutsch. Es waren lauter junge Mädchen, ich würde sagen Kinder, angefangen so bei 10 bis 12 Jahren, bis vielleicht so um die 2o herum, etwa so 7 bis 8 Stück. Und die sagten, daß sie Durst hätten und Wasser haben wollten. Weil wir keine Tür hatten, konnten wir sie ja nicht reinlassen. Wir hatten auch ein bißchen Angst davor, weil das ja außergewöhnlich war. Wir konnten uns nicht erklären, was das war. Dann bin ich reingegangen und habe mit 2 Wassereimern - die wir damals noch besaßen - Wasser rausgeholt und habe den Mädchen zu trinken gegeben und habe gesagt: 'Wollt ihr nicht reinkommen, soll ich die Leiter holen?’ 'Nein, nein, wir wollen weiter.' Da sind die dann nach einem l/4stündigem Aufenthalt weitergezogen." "Waren die irgendwie so in Hetze oder ganz normal?" "Also, die waren vielleicht froh, irgend jemand getroffen zu haben, mit dem sie sprechen konnten. Sie waren aber auch unheimlich durstig. Sie erzählten, daß sie schon mehrere Tage - ich erinnere mich - 3 Tage unterwegs wären, ohne überhaupt etwas getrunken zu haben. Ja, sie wirkten auch sehr ängstlich. Man muß sich ja vorstellen, daß als Geräuschkulisse immer noch dieses Knattern und Explodieren der Bomben und Granaten, die auf den Militärzügen waren im Bahnhof, zu hören war. Es brannte noch, und da waren auch noch so Art Schüsse und so was, man konnte das alles gar nicht so genau auseinander halten.

Ja, und nachdem diese Kinder verschwunden waren - wir waren ja nach hinten orientiert in dieser Zeit - erst einmal aus dem Keller heraus und nach hinten hin. Also, nachdem die nun weg waren, da war ja allerhand Gelaufe vom Wald hier so, man konnte das gar nicht erst so feststellen. Also plötzlich tauchten Leute auf, die in - ja sagen wir mal, wie wirkte das auf mich als Junge - also als wenn die so im Pyjama aus Sackstoff liefen. Sie hatten so randlose Hüte auf, so schirmlose Mützen auf, auch aus dem gleichen Stoff." "Also so Käppis?" "Käppis waren das, kein Barett, sondern so Schiffermützen. Und die liefen hier so durch, und die machten einen ziemlich gehetzten Eindruck. Meine Mutter sagte: 'Nun kommt mal hier rein. Was ist denn da los?’ Ich war neugierig als Junge und bin dann, anstatt reinzugehen, erstmal nach vorne gelaufen, und dann sah ich gleichartig angezogene Leute auf der [30] /

Straße hier lang gehen. Es war damals noch nicht befestigt, es war ein sogenannter Sommerweg. Wie ich da so runtergucke in Richtung Stadt, da sah ich, wie einer mit dem Gewehr, so ein SS-Mann - man konnte es an den Kragenspiegeln sehen, die sie trugen, an dem Totenkopf, er war eigentlich leicht zu erkennen - wie er da plötzlich - bums - einen umgeschossen hat, der lag da. Bisher hatte ich gesehen, daß die da geschossen hatten, da bin ich erstmal reingegangen und habe das vom Fenster aus beobachtet - neugierig war man ja. Und da sah ich dann - diese Bebauung war noch nicht vorhanden auf der anderen Seite. Also wir konnten von hier bis auf den Bahndamm schauen, die ganze Hattendorfstraße war nicht da, die Welfenallee und Amelungstraße, die Häuser waren alle noch nicht gebaut. Und hier zwischen uns - in der Birkenstraße war ja eine große Baulücke, das war alles noch nicht so eng. Man konnte also praktisch die dampfenden Züge bei normalem Wetter hier auf dem Bahndamm fahren sehen, von uns einfach hier vom Zaun aus.

Ja, und da sah man dann plötzlich so Gruppen, so 4 oder 5 oder auch einzelne Leute, durch den Dreck laufen. Es war ja Ackerland, da hatte die Gärtnerei Wichmann ihre Felder, die pflanzten Stiefmütterchen und anderes zu der Zeit. Und da kamen die Leute, und die fielen zum Teil hin, und dann liefen wieder andere hinterher, die da hinterher schössen, und ich konnte feststellen - wir alle sahen ja, daß Leute wegliefen in gestreifter Kleidung vor den SS-Angehörigen, die versuchten, sie zu erschießen." "Und sie waren der einzige, der in diesem kurzen Moment vorne an der Straße war, oder waren es noch andere, die das sahen?" "Es waren noch andere an der Straße. Es war ja noch nicht alles bebaut, aber hier unser Nachbar zur linken, und die weiteren Gebäude, die sie hier sehen, die Leute waren natürlich alle draußen und guckten sich das an und versuchten, sich das zu erklären, ich fragte meine Mutter, war das ist. 'Ach, das sind Gefangene,' sagte meine Mutter. Ich fand das damals ganz außergewöhnlich, ich hatte auch noch niemals gesehen, wie jemand erschossen wurde. Es war ganz neu für mich. Das ist ja auch erklärlich. Ich hatte zwar schon Tote gesehen, durch die Luftangriffe in Hannover und bei meiner Verwandtschaft [31] /

in Bremen. Aber daß ein Mensch erschossen wurde - das ist vielleicht 100 m weg gewesen - das konnte man doch so ganz deutlich sehen, das war schockierend für mich. Der hatte dem ja nichts getan, im Gegenteil, der wurde ja tätlich angegriffen, und da lief er von ihm weg." "Und dann haben sie irgendwie erkannt, daß das Juden sein könnten? Es waren doch sicher welche darunter." "Ja, ich hatte das schon bei den Mädchen gesehen, die haben ja unmittelbar hinter dem Zaun gestanden, nur eine Armlänge weg von mir. Das konnte man sehen, das waren hübsche Mädchen, würde ich heute sagen, mit dunkelen Augen. Den Anblick dieser gehetzten Kinder werde ich nie vergessen. Wenn ich daran denke, sehe ich sie wieder vor mir.

Ja, und dann ging das ja so den ganzen Tag und den ganzen Nachmittag so weiter. Ich würde sagen, so am späten Nachmittag fuhr dann hier der amtliche Bahnspediteur Klie - er hatte damals noch Pferde und Rollwagen, so einen großen Wagen, mit dem er die Kisten und Kästen ausgefahren hat." "Den gibt es heute auch noch." "Den gibt's heute auch noch." "Der ist jetzt da in der Braunschweiger Straße." "Genau so ist es, ja. Den hatten sie wohl dazu verdonnert. Er mußte die Fuhrberger Straße, hier aus der Stadt rauskommend, hochfahren. Es waren mehrere SS-Leute dabei mit angelegten Karabinern im Anschlag - kann man sagen - die den Wagen begleiteten. Ich würde sagen, es waren wohl so hinter dem Wagen 3 bis 4 und an jeder Seite wohl noch 2 oder 3 und wohl auch noch 2 vorweg. An jeder Seite waren - ich kann es heute nicht mehr so genau sagen - aber so 3 bis 4 Häftlinge waren es an jeder Seite, die die Aufgabe hatten, die Toten, sie hier in den Gärten lagen, aufzusammeln und dann 'Hauruck' auf den Rollwagen zu werfen. Die lagen also, die sie da aufgesammelt hatten - der Wagen war vielleicht so beidseitig zu einem Drittel bedeckt. Sie lagen also wie so Rollmöpse nebeneinander auf dem Wagen. Man sah und staunte und konnte eigentlich gar nicht erfassen, was da so passierte. Mein jüngerer Bruder und meine Schwester, die natürlich auch neugierig waren, guckten und standen rum. Meine Mutter sagte: 'Los [32] /

Kinder, rein, das ist nichts für euch.' Das hat uns dann natürlich auch verleitet, noch neugieriger zu werden. Es konnte uns nichts davon abhalten. Es war ein erschreckender, ein grausiger Anblick. Aber trotzdem waren wir neugierig, weil wir so etwas Außergewöhnliches noch nicht gesehen hatten. Aber das Erschreckendste für mich war dann, als der Wagen - er fuhr also so hoch hier. Richtung Wietzenbruch. Er kam wieder zurück, also wenn ich mich nicht irre, fuhr er hier zum jetzigen Jugendheim, wo die polnischen Umsiedlerkinder sind. Da ging so ein Holzabfuhrweg in den Wald rein, da fuhr dieser Wagen dann in den Wald rein, um wahrscheinlich dann auch dort erschossene Häftlinge aufzulesen. Neugierig wie wir waren, sind wir natürlich dahinter her gegangen. Das Erschreckendste für mich war - wir sind natürlich nicht hinterher gelaufen, wir konnten es auch nicht, weil die SS-Leute sagten: 'Bleibt hier stehen oder ihr kriegt ein paar Ohrfeigen.' (So ungefähr). Jedenfalls haben sie uns abgehalten, da noch weiter mitzugehen oder ihnen in einem Abstand zu folgen. Wir haben uns dann da aufgehalten in diesem Holzabfuhrweg, und als der Wagen wieder zurückkam, da lagen - ich kann es heute nicht sagen ob alle - aber da lagen ein Großteil dieser Mädchen, die bei uns Wasser getrunken haben, auch auf diesem Wagen, ich hatte sie ja gesehen. Ich erkannte sie deshalb wieder, weil die keine Sträflingskleidung trugen, die hatten noch ihre normale Kleidung an. Es war für mich fürchterlich, denn es waren doch sicher Gleichaltrige dabei. Ich konnte nicht begreifen, daß sie die erschossen hatten, die uns doch nichts getan hatten.

Das Geballere ging die ganze Nacht noch weiter. Wir haben in dieser Nacht im Keller gesessen und dort geschlafen. Am anderen Morgen war das ja auch noch im Gange, und da war es aber so, daß die Leute vom Bahndamm nicht mehr rüber liefen. Es waren hier zum Teil auch Polizeifahrzeuge. Ich kann mich erinnern - wir sagen 'Grüne Minna1 - so ein offener Bereitschaftswagen mit zurückgeklapptem Verdeck, der war auch unterwegs. Der fuhr nach Wietzenbruch und hin und her, und es wurden auch noch Menschenjagden veranstaltet. [33]

Wenn ich dar noch sagen darf: An dem Morgen, ich kann es nicht mehr so genau sagen, ob es am Vormittag war, es könnte aber sein, daß es am frühen Vormittag war, - da bin ich hier die Fuhrberger Straße runtergegangen bis zur Birkenstraße. Da lagen - wo jetzt diese Versicherung ist vor dem Kaufmannsladen - da lagen noch mehrere erschossene Häftlinge in dem Graben. Es hatte sie wohl in der Nacht noch erwischt. Vielleicht hatten sie sich auch in dem Schrebergarten versteckt, und man hatte sie wohl dort ausfindig gemacht. Jedenfalls waren sie dabei, gerade welche aufzuladen. Da war wieder der Klie mit seinem Rollwagen unterwegs. Inzwischen sah ich - das weiß ich noch genau - daß auf dieser Fläche Kalk gestreut war. So weißes Zeug, ich kann nicht genau sagen, ob es richtiger Löschkalk war, aber so weißes Zeug.

Ja, und dann bin ich bei meinem Freund Rudi gewesen, mit dem ging ich zusammen zur Schule. Er war auch zeitweise mein Bank­nachbar gewesen, wir gingen in die gleiche Klasse. Und da war ein Volkssturmmann. Ich kenne ihn sehr gut. Er hat nachher hier in Celle als Bürovorsteher einer renommierten Anwaltskanzlei gearbeitet. Den hatten sie mit einem Karabiner versehen, und der hatte komischerweise so einen Munitionskasten für MG, würde ich sagen. Den konnte man so aufklappen, so ein Rechteck, aber hochkant mit zwei so Tragegriffen. Da ist dann aber noch so ein geflochtener Leinenriemen, den man über die Schulter hängen kann. So einen Apparat hatte der. Er stand da so und sagte zu uns: 'Kommt mal her, ihr könnt mir helfen. Könnt mal mit tragen helfen.’ Er selbst war nämlich ein Kleiner. Er war deshalb wohl nicht beim Militär genommen, weil er so mickrig war, nehme ich an, ich weiß es nicht genau. Den hatten sie mit einem Karabiner ausgestattet, der genau so groß war wie er selbst, wenn er ihn hingestellt hatte. Und nun marschierten wir die Wittestraße runter." "Wo heute das Johanniterheim ist?" "Genau. Wo heute die Lönsklause ist, da war ein weiterer Pulverschuppen zu dem Schießstand. Da gingen ja die großen Wälle. Heute kann man das nicht [34]
mehr erkennen. Es ist ja alles ganz anders. Da wo jetzt die Minigolfanlage ist, selbst vor .dem Gebäude und auch seitlich davon, das lag etwa l 1/2 m tief, da waren so Regenvorfluterbecken, und zwar, da man die Fuhse immer so zurückstaute, hatte man da so Betonrohre reingelegt, daß bei Hochwasser ein Teil des Wassers sich dort aufhalten konnte und sich auch mit dem Hochwasser langsam wieder entleeren konnte. Und als wir dann dorthin kamen, da lagen natürlich - ich würde heute sagen - so 5 bis 6 Leichen. Leichen in Anführungsstriche. Das muß ich allerdings heute sagen, damals wußte ich das noch nicht. Ich muß noch erklären, warum ich alleine dabei war bei dem Mann. Weil die Mutter meines Freundes ihn gerufen hatte: 'Rudi, sofort kommst du hier rauf.’ So war ich alleine, sonst wäre das vielleicht alles anders gewesen. Er war nicht mehr dabei. Jedenfalls als wir dorthin gingen durch die Wittestraße und dort ankamen, waren noch 2 SS-Leuee bei diesem Herrn. Wir gingen also - die beiden SS-Leute, der Volkssturmmann und ich - wir marschierten die Wittestraße hinunter und guckten hier und dort in die Büsche. Und da wurde gestöbert und da. Ich blieb natürlich immer auf dem lieg, so neugierig wie ich war, genau so viel Schiß hatte ich auch, weil ich das ja am Vortage miterlebt hatte und morgens das gesehen hatte in dem Schrebergarten. Es wurden da alle möglichen Sachen durchsucht, und wir kamen also an diese Senke ran, da wo heute der Minigolfplatz ist. Da war eine schöne Heidefläche. Es standen Kiefern darauf, sie standen da so lose zerstreut, sie waren etwa mannshoch, würde ich sagen. Es waren auch kleine Birkenbüsche dabei. Und jedenfalls sagte jemand: 'Es sind wohl alle tot.’ Und wir gingen näher ran, und einer dieser SS-Leute pflückte einen kleinen Birkenzweig von der Birke ab und schlug ihn dem Toten, der vor ihm lag, ins Gesicht. Und da sah ich, daß sich bei dem Toten die Augenlider bewegten, die geschlossen waren. Also ein Zeichen, daß er noch nicht tot war. Damals konnte ich alles noch nicht so erfassen, es spielte sich alles so schnell ab. Der eine SS-Mann, der Volkssturmmann und ich, wir waren so etwa 2 1/2 m von diesem Mann weg, der andere SS-Mann [35] /

stand seitlich. Er nahm dem Karabiner runter, lud durch und schoß ihn in den Kopf, so daß die Gehirnmasse uns um die Ohren flog. Ich war in diesem Moment zu Tode erschrocken und auch erstarrt. Ich kann das gar nicht beschreiben diese Sache. Und dann zogen die so weiter, um auch noch andere zu suchen. Da habe ich gesagt: 'Ich muß jetzt ganz schnell weiter.' Ich habe den Kasten fallen lassen, und barfuß bin ich durch den Wald nach Hause gelaufen. Ja, das waren wohl die gravierenden Sachen."

"Haben die auch Hausdurchsuchungen gemacht?" "Ja, die haben auch Hausdurchsuchungen gemacht. Die sind von Haus zu Haus gegangen und haben in die Gärten geguckt, ob jemand einen versteckt hatte, und zwar waren das immer so 4 bis 6 SS-Leute. Die stiegen auch über Zäune in die Gärten. Also sie gingen nicht immer vorne zum Tor rein, sondern auch hinten rum."

"Eines war da noch, es fällt mir aber im Moment nicht ein. Ich komme aber gleich darauf. Achso, die SS-Leute, waren das Celler Bürger, oder kamen die woanders her?" "Nein, diese SS-Leute waren keine Celler Bürger. Ich glaube, daß ich sie gekannt hätte, wenn sie hier aus dieser Ecke gewesen wären, weil ja nicht viele zu der Zeit hier waren. Sie waren ja alle im Krieg. Die sprachen so gebrochen deutsch. Ich nehme an, daß es Leute aus Belgien waren, sie sprachen ein hartes Deutsch. Wenn es Deutsche waren, müssen es Grenzlandbewohner gewesen sein, bayrischer Art oder über nach Belgien, Flandern, da in der Ecke. Die trugen Käppi, also richtige SS-Uniform, waren aber hauptsächlich mit Karabiner bewaffnet. Maschinenpistolen habe ich nicht gesehen. Pistolen natürlich auch. Neben dem Karabiner hatten sie noch so eine 07, so eine große, Karabella oder so, einen Mordsapparat.

Ja, aber natürlich, das ist klar, ich kenne - ich kannte, muß wohl heute sagen - ich kannte auch einige hohe SA-Chargen, die hier bei uns in der Gegend wohnten. Ich weiß nicht, was die waren, aber die trugen schon Armbinden mit Gold, das muß wohl etwas besonderes gewesen sein. Die haben sich auch an der Jagd beteiligt. Die habe ich dann 2 bis 3 Tage später, bevor die Engländer angerückt waren, habe ich sie im Wald gesehen, da hatten sie sich [36] /

erschossen."

"Es muß wohl dann dieser Bombenangriff hier in Celle auch kurz vor dem Ende des Krieges gewesen sein?" "Ja, am 7. war die Bombardierung, am 8. war die Menschenjagd, und am 10. waren die Engländer hier, d.h. die Amerikaner waren zuerst da. Es kam eine amerikanische Panzerbrigade - oder wie man das nennt - als erstes. Da habe ich das erstemal in meinem Leben einen Neger gesehen." "Kamen die aus Hannover?" "Die kamen aus Hannover.

Es passierten ja in diesem Zeitraum sehr interessante Sachen für uns. Da lag z.B. eine Abteilung schwere Granatwerfer mit Kettenträgern hier bei uns im Wald. Die waren 2 oder 3 Tage vorher in Richtung Fuhrberg gezogen. Die Engländer müssen da kurz vor Hannover gewesen sein. Jedenfalls kann ich mich noch gut erinnern, daß Leute, ich glaube, ein Eisenbahner war das, der dann erzählte, daß diese Granatwerferabteilung total aufgerieben wäre durch englische Panzer, die Flammenwerfen hatten.

Das war eine wilde Zeit. Es war grausam, was so innerhalb kürzester Zeit hier passierte." "Praktisch in einer Woche." "Ja, genau. Da haben wir zum erstenmal von den KZ gehört. Da kam das so richtig auf. KZ wußte vielleicht keiner, muß ich hier sagen. Ich kann mich erinnern, daß über ein Gefangenenlager gesprochen wurde, das in Bergen-Belsen sei. Aber da konnte man nicht hinkommen, weil das mitten in diesem Truppenübungsgelände war. Das ist das, was ich dazu sagen kann."

"Daß es Konzentrationslager gab, war ja klar, denn ab 1934 wurden die ja auch benutzt." "Ja, ich habe als Junge in unserer Familie - vor allen Dingen, wenn ich bei meinen Großeltern war, die im Vorharz wohnten - erfahren, daß Leute auch "verschütt" gegangen waren, wie man heute sagen würde. Man sagte schon: Ab ins KZ! Also, diesen Ausdruck hatte ich schon gehört, ich konnte mir nur nicht darunter vorstellen." "Was da passierte, das war wahrscheinlich keinem bekannt." "Die haben auch was von Arbeitslagern gesprochen. Aber dar waren Begriffe, die ich als Junge nicht verstanden habe." [37]


Klasse 9a, GHS Groß-Hehlen | 1983 | Aus: Celle vor fünfzig Jahren, S. 28-37.

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