Augenzeugenbericht: Menschenjagd im Neustädter Holz

Am 8. April 1945, vier Tage vor dem Einmarsch alliierter Truppen war die Stadt Celle Ziel eines britischen Luftangriffs, der den Güterbahnhof und das Gaswerk zerstörte und eine nicht bekannte Anzahl von Todesopfern forderte. Bei diesem Angriff wurde auch ein Transportzug mit KZ-Häftlingen getroffen. Vielen der Häftlinge gelang zwar zunächst die Flucht, doch wurden sie bald Opfer der einsetzenden Hetzjagd von SS, Wehrmacht, Polizei und Zivilisten. Dr. Bertram, der die historische Aufarbeitung dieser Tage betreibt, hierzu: "Erbarmungslos wurden die Fliehenden niedergeschossen, nahm man auch unter den Überlebenden Exekutionen vor. Von den ursprünglich über 4000 Häftlingen erreichten schließlich nur etwa 500 das Lager Bergen-Belsen." Der Augenzeugenbericht eines damals 13-jährigen Celler Jungen:
Am Mittag des 8. April 1945 wurde der Bahnhof hier angegriffen. Es waren mehrere Bomber, man konnte das gar nicht so genau ausmachen durch diesen gewaltigen Lärm, der dabei herrschte, durch das Pfeifen der Bomben und das Brummen der Flugzeuge, wo sie genau waren. (...) Also bombardiert wurde hauptsächlich der Bahnhof Celle. (...)
Wir saßen im Keller und hatten natürlich gewaltig Schiß, weil ja in den ganzen Kriegsjahren außer einem einmaligen Notabwurf - aber weit ab hier von der Stadt - 1 bis 2 Bomben gefallen waren. (...) Und wir haben uns was zu trinken geholt oben aus der Küche. Und wie wir in der Küche sind, da habe ich plötzlich Kinder, nein Jugendliche, bei uns hinter dem Zaun stehen sehen, und meine Mutter sagte: "Guck mal, was ist denn das?" Da sind wir hingegangen. Die habe so gewunken. Ich konnte mich mit ihnen aber nicht verständigen, sie sprachen nur gebrochen deutsch. Es waren lauter junge Mädchen, ich würde sagen Kinder, angefangen so bei 10 bis 12 Jahren, bis vielleicht so um die 20 herum, etwa so 7 bis 8. Und die sagten, daß sie Durst hätten und Wasser haben wollten. (...) Dann bin ich reingegangen und habe mit zwei Wassereimern Wasser rausgeholt und habe den Mädchen zu trinken gegeben und habe gesagt: "Wollt ihr nicht reinkommen?" - "Nein, nein, wir wollen weiter." Da sind die dann nach einem viertelstündigen Aufenthalt weitergezogen. (...)
Ja, und nachdem diese Kinder verschwunden waren, (...) tauchten Leute auf, die in - ja sagen wir mal, wie wirkte das auf mich als Junge - als wenn die so im Pyjama aus Sackstoff liefen. Hatten so randlose Hüte auf, so schirmlose Mützen auf, auch aus dem gleichen Stoff. (...) Die liefen hier so durch, und die machten eine ziemlich gehetzten Eindruck. Meine Mutter sagte: "Nun kommt mal hier rein. Was ist denn da los?" Ich war neugierig als Junge und bin dann, anstatt reinzugehen, erstmal nach vorne gelaufen, und dann sah ich gleichartig angezogene Leute auf der Straße hier langgehen. (...). Wie ich da so runtergucke in Richtung Stadt, da sah ich, wie einer mit dem Gewehr, so ein SS-Mann - man konnte das an den Kragenspiegeln sehen, die sie trugen, an dem Totenkopf, er war eigentlich leicht zu erkennen - wie er da plötzlich bums - einen umgeschossen hat, der lag da. Da bin ich erstmal reingegangen und habe das vom Fenster aus beobachtet, neugierig war man ja. (...) Ja und dann sah man plötzlich so Gruppen, so 4 oder 5 oder auch einzelne Leute, durch den Dreck laufen. Es war ja Ackerland, da hatte die Gärtnerei Wichmann ihre Felder. (...) Und da kamen die Leute, und die fielen zum Teil hin, und dann liefen wieder andere hinterher, die da hinterherschossen, und ich konnte feststellen - wir alle sahen ja, daß die Leute wegliefen in gestreifter Kleidung vor den SS-Angehörigen, die versuchten, sie zu erschießen. (...)
Ja, und dann ging das ja so den ganzen Tag und den ganzen Nachmittag so weiter. Ich würde sagen, so am späten Nachmittag fuhr dann hier der amtliche Bahnspediteur Klie - er hatte damals noch Pferde und Rollwagen, so eine großen Wagen, mit dem er Kisten und Kästen ausgefahren. Er mußte die Fuhrberger Straße, hier aus der Stadt rauskommend, hochfahren. Es waren mehrere SS-Leute dabei mit angelegten Karabinern im Anschlag - kann man sagen -, die den Wagen begleiteten. (...) An jeder Seite waren so 3 bis 4 Häftling, die die Aufgabe hatten, die Toten, die hier in den Gärten lagen aufzusammeln und dann "Hau-Ruck" auf den Rollwagen zu werfen. Die lagen also, die sie da aufgesammelt hatten - der Wagen war vielleicht so beidseitig zu einem Drittel bedeckt. Sie lagen also wie so Rollmöpse nebeneinander auf dem Wagen. Man sah und staunte und konnte eigentlich gar nicht erfassen, was da so passierte. (...) Und als der Wagen wieder zurückkam, da lagen - ich kann heute nicht sagen, ob alle -, aber da lagen ein Großteil dieser Mädchen, die bei uns Wasser getrunken hatten, auch auf diesem Wagen. (...) Ich konnte nicht begreifen, daß sie die erschossen hatten, die uns doch nichts getan hatten.
Das Geballere ging die ganze Nacht noch weiter. Am anderen Morgen war das ja auch noch im Gange, und da war es aber so, daß die Leute vom Bahndamm nicht mehr rüberliefen. Es waren hier zum Teil auch Polizeifahrzeuge. Ich kann mich erinnern - wir sagen "Grüne Minna", so ein offener Bereitschaftswagen mit zurückgeklapptem Verdeck, der war auch unterwegs. Der fuhr nach W'ietzenbruch und hin und her, und es wurden auch noch Menschenjagden veranstaltet. Wenn ich das noch sagen darf: An dem Morgen (...) bin ich die Fuhrberger Straße runtergegangen bis zur Birkenstraße. Da lagen - wo jetzt diese Versicherung ist vor dem Kaufmannsladen - da lagen noch mehr erschossene Häftlinge in dem Graben. Es hatte sie wohl in der Nacht noch erwischt. (... )
Ja, und dann bin ich bei meinem Freund Rudi gewesen. (...) Und da war ein Volkssturmmann. Ich kenne ihn sehr gut. Er hat nachher hier in Celle als Bürovorsteher einer renommierten Anwaltskanzlei gearbeitet. Den hatten sie mit einem Karabiner versehen, und der hatte komischerweise so einen Munitionskasten für MG, würde ich sagen. (...) Er stand da so und sagte zu uns: "Kommt mal her, ihr könnt mir tragen helfen." (...) Und nun marschierten wir die Wittestraße runter. (...) Wo heute die Lönsklause ist, da war ein weiterer Pulverschuppen zu dem Schießstand. (...) Und als wir dann dorthin kamen, da lagen (...) so 5 bis 6 Leichen. (...) Und jedenfalls sagte jemand: "Es sind wohl alle tot." Und wir gingen näher ran, und einer dieser SS-Leute pflückte einen kleinen Birkenzweig von der Birke ab und schlug ihn dem Toten, der vor ihm lag, ins Gesicht. Und da sah ich, daß sich bei dem Toten die Augenlider bewegten, die geschlossen waren. Also ein Zeichen, daß er noch nicht tot war. (...) Der eine SS-Mann, der Volkssturmmann und ich, wir waren so etwa 2 1/2 m von diesem Mann weg, der andere SS-Mann stand seitlich. Er nahm den Karabiner runter, lud durch und schoß ihn in den Kopf, so daß die Gehirnmasse uns um die Ohren flog. Ich war in diesem Moment zu Tode erschrocken und starr. Ich kann das gar nicht beschreiben diese Sache. Und dann zogen die so weiter, um auch noch andere zu suchen. Da habe ich gesagt: "Ich muß jetzt ganz schnell weiter." Ich habe den Kasten fallen lassen, und barfuß bin ich durch den Wald nach Hause gelaufen.

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