Boykottaufruf gegen Freidberg

"Zu den ersten bekannten antisemitischen Ausschreitungen gegen das Kaufhaus Freidberg kam es im November 1923: eine Reklametafel am Bahnhof wurde mit Hakenkreuzen beschmiert und in einer Arbeitslosenversammlung wenige Tage später verbreitete man neben anderen Gerüchten über das Geschäft, daß die Ornamente über der Eingangstür des Kaufhauses hebräische Buchstaben seien und >Tod den Christen!< bedeuteten. Die Familie Freidberg setzte zur Ermittlung der Urheber der Gerüchte eine Belohnung aus und appellierte an den gesunden Verstand der Celler Bevölkerung. Der Architekt Haesler wies in einer Zeitungsanzeige darauf hin, daß die am Eingang des Kaufhauses vorhandenen Ornamente lediglich aus rein künstlerischem Empfinden zur Belebung der Fläche dort angebracht waren. Am 1. April 1933 bei dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte postierten sich auch vor dem Freidbergschen Kaufhaus kurz nach 10 Uhr SS-Männer mit Plakaten."
Jüdische Spuren im Celler Stadtbild [ca. 1996]: Integration und Ausgrenzung am Beispiel von Geschäften jüdischer Mitbürger in der Celler Innenstadt vor 1933/38. Eine Dokumentation des Stadtarchivs Celle. Celle, S. 20 f.

"Das Kaufhaus Freidberg am Markt mochte vor Karstadt mal das größte Kaufhaus von Celle gewesen [sein]. Es mag etwa 1 ½ Jahre vor dem 9. Nov[ember] verkauft worden sein. Es wollte nicht mehr funktionieren. Die Zeitungen nahmen keine Anzeigen mehr auf usw., und nicht zuletzt hatte das glänzende Karstadt-Geschäft Schuld daran, das ungefähr die gleichen kleineren und größeren Waren hatte."
Obenaus, Herbert / Obenaus, Sibylle (Hg.) (1985): "Schreiben wie es wirklich war!" Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens aus den Jahren 1933 - 1945. Hannover, S. 98.

Die Wirkung der Boykottaufrufe auf Zeitgenossen wird auch im Tagebuch Dürkefäldens deutlich:

"Ich selbst habe in Celle die jüdischen Geschäfte kaum betreten, weil ich es nicht für richtig hielt, mich der Juden wegen in Gefahr zu bringen. In Hannover nahm ich darauf keine Rücksicht (vor etwa zwei Jahren habe ich dort in einem jüdischen Geschäft meinen schwarzen Wintermantel gekauft). Meiner Frau habe ich das Betreten jüdischer Geschäfte nicht verboten, aber davor gewarnt."
Obenaus, Herbert / Obenaus, Sibylle (Hg.) (1985): "Schreiben wie es wirklich war!" Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens aus den Jahren 1933 - 1945. Hannover, S. 98.

 

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